Kultur : Irrlauf in der Sperrholzwelt Luc Dunberrys „Don’t we“ beim Tanz im August

Ulrich Amling

In der Unternehmenswelt dient die Auffächerung eines Produkts dem Ziel, neue Märkte zu erobern oder den eigenen Marktanteil zu erhöhen. Wie man das auf den Kunstbereich anwenden kann, zeigt die Uraufführung von Luc Dunberrys „Don’t we“ beim „Tanz im August“. Als Zweitmarke von „Sasha Waltz & Guests“ sind die Choreografien des Kanadiers fest in den internationalen Festivalkalendern und nationalen Förderzyklen verankert. Die Premiere in den Sophiensälen war überbucht wie zu seligen Startup-Zeiten von Sasha Waltz. Auch die Türen öffnen sich noch immer so spät wie damals, nachdem der eine Teil des in der Enge wartenden Publikums blau und der andere rot angelaufen ist, je nach Konstitution.

Waltz-Chefideologe Jochen Sandig schiebt sich durch die Menge und ruft etwas von Lottogeldern, die Abkühlung bringen sollen. Die Anspruchshaltung stimmt, die Anträge sind raus, und die Stimmung ist prächtig. Leider kann „Don’t we“ nicht darüber hinweg täuschen, dass „Sasha Waltz & Guests“ sich in akuten Lieferschwierigkeiten befinden. Warum sonst hätte man die hintersten Ecken des choreografischen Lagers der Compagnie noch einmal durchgefegt, in der Hoffnung, dort noch einen kreativen Funken aufstöbern zu können? So versucht dieser 70-Minüter für sechs Personen die Atmosphäre früher Waltz-Arbeiten zu reanimieren, kommt aber über das wahllose Wühlen in Schnipseln nicht hinaus. Mal versprüht man osteuropäische Duftmarken, mal gibt man sich katastrophisch – alles ohne den erkennbaren Wunsch nach Auseinandersetzung. Vollends zur Farce wird der Abend, als die Tänzer sich auf einen architektonischen Exkurs durch ihr Sperrholzbühnenbild machen. Vielleicht sollte sich Dunberry im Archiv noch einmal ansehen, was Sasha Waltz aus Räumen zu zaubern vermochte (noch einmal heute, 21 Uhr).

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