Kultur : Isa Melsheimers "Behausung" in Wiens Laden & Verlag

Vanessa Müller

In den Zeitschriftenregalen stapeln sich neben dem Ratgeber-Klassiker "Schöner Wohnen" neuerdings Magazine wie "Modern Living", die das Wohnen zum Ausdruck des Individuellen stilisieren und Life-Style als innovatives Vier-Wände-Programm verkaufen. Doch redaktionell verordneter Nonkonformismus führt selten zu brauchbaren Resultaten: Auch die Ästhetisierung der Lebenswelt folgt einem zyklischen Prozess der Moden und Stile, in dem Design vielleicht das Bewusstsein bestimmt, aber gewiss nicht den eigenen Privatismus zum Schauplatz des Subjektiven erhebt.

Isa Melsheimer beschäftigt sich seit einiger Zeit mit dieser Schieflage im Verhältnis von Architektur, Design und Alltagskultur, mit pseudo-individuellen Wohnlandschaften und funktional definierten Lebensweisen. Ihre Entwürfe sind Antipoden zur Ikea-Demokratie, doch auch die bürgerliche Behaglichkeit, die sie suggerieren, ist eine brüchige Idylle. Bisher zeichneten sich ihre skulpturalen Objekte vor allem durch den Aspekt der Benutzbarkeit aus, der durch Übertreibungen ins Multifunktionale standardisierte Verhaltensweisen und Handlungen verfremdete. Melsheimers Serie "Kissen" verband das Luxuriöse edler Polster mit der Reglementierung im Privaten. Die Kissen dienten dazu, Körpermerkmale und -haltungen zu kaschieren, die gemeinhin als unschicklich gelten - verschränkte Arme bei Wutanfällen etwa oder ungepflegte Hände. So federte der Samt den gesellschaftlichen Affront ins defensive Gebrauchsmuster ab und gab der Form eine Funktion, die nützlich und sinnlos zugleich erscheint.

Melsheimers neue Arbeiten verlagern diese Versuchsanordnungen jetzt in den Bereich des Modellhaften. Weltentwurf ist hier nicht mehr Gegenentwurf, sondern ins Surreale gewendete Bilanz im Miniaturformat. In der mehrteiligen Installation "Behausung" (zusammen 7800 Mark) ist der Topos des Wohnens auf seine elementarste Form reduziert: Matratze, Zelt, Stuhl, Kopfstütze. Ein Zelt, das ist hier ein einfacher Schutzraum aus Stoff, eine Überdachung, ein Raum im Raum. Doch die minimalistische Wohnhülle ist so aufwendig gestaltet, dass sie das Prinzip der Reduktion schon wieder bricht: Die Stoffplane stammt aus einer alten Patchworkdecke, liebevoll bestickt mit home sweet home-Appellen, das Innere eines anderen, unter einem Holzhocker installierten Zeltes ist mit obskuren Samtobjekten möbliert. So wird das Funktionale von der Opluenz der Inszenierung merkwürdig absorbiert. Wer sich zwecks genauerer Betrachtung vor die Modelle kniet, findet eine bequeme Matratze vor, wer auf dem Hocker Platz nimmt, kann sich komfortabel gegen eine an der Wand angebrachte Kopfstütze lehnen. Das ist der Puppenstuben-Effekt dieses selbst gebastelten Mikrokosmos, der eine fiktive Welt im Kleinen präsentiert, deren Fiktionalität jedoch nach außen dehnt. Wer sich in die richtige Betrachterposition begibt, ist bereits Teil der Fiktion: Will ich so leben? Wäre ich anders, wenn ich so lebte?

Überlegen lohnt, denn hinter dem Ornament lauert das Verbrechen. Die am Computer entworfene und auf Holz aufgezogene Tapete aus dem Objekt "Flur" (1900 Mark) sieht aus wie überbordendes Romantik-Design, um bei näherem Hinsehen Bluttriefendes aus Splatter-Comics und Science Fiction-Schockern zu offenbaren. In einem großen Modell (o.T., 12 000 Mark) findet sich neben einem Rokoko-Garten aus Putzschwamm-Fragmenten und einer Grotte auch ein provisorischer Schlafplatz für einen Obdachlosen in der Tiefgarage. In dieser surrealen Behausung, die auf einer drehbaren Platte zwecks allseitiger Betrachtung installiert ist, wird das Vokabular des Wohnens bis ins Detail durchbustabiert. Ein Schwimmbad auf dem Dach mit Aussichtsterasse erfüllt neben der Abbreviatur einer Achterbahn die Freizeitbedürfnisse, Fernsehzimmer und plüschiges Boudoir repräsentieren gehobenen Lebensstandard. Knautschsessel neben barocken Balustraden, Neonbeleuchtung neben klassizistischen Tapeten, Tuppa-Dosen im Miniaturformat made in Taiwan: Die Stile und Epochen überlagern sich in einer wüsten Bricolage, die additiv aneinanderfügt, was zum Topos "Haus" theoretisch alles gehören könnte. Durch den Flur weht der Zeitgeist der Vergangenheit, im Keller haust der Pragmatismus. So präsentiert sich die Kulturgeschichte des Wohnens als perfekter horror vacui und dekorative Überblendung jener Leere, die die Konfektionsware "Design" hinterlässt.Wiens Laden & Verlag, Linienstr. 158

bis 1. April; Dienstag bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 12-17 Uhr.

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