Kultur : Island in Sicht

Dichter, Musiker, Dandy: Sjón liest in Berlin

Kolja Mensing

In Island ist er ein ganz Großer. Sjón, 1962 in Reykjavík als Sigurjón Birgir Sigurdsson geboren, hat in seinem Heimatland zahlreiche Bände mit Gedichten und mehrere Romane veröffentlicht. Darüber hinaus spielte er vor zwanzig Jahren unter dem Pseudonym Johnny Triumph mit den Sugarcubes den legendären Song „Luftgitar“ ein. Die Zusammenarbeit hält an. Sjón schreibt Texte für Björk, die Ex- Sugarcubes-Sängerin, und war maßgeblich an dem Skript zu Lars von Triers Musicalfilm „Dancer in the Dark“ beteiligt, in dem sie die Hauptrolle spielte. Sjón, der sich gerne im hellen Leinenanzug, mit Einstecktuch und Mütze präsentiert, hat zweifellos Starqualitäten.

Jetzt erscheint zum ersten Mal ein Roman von ihm auf Deutsch. Der Verlag hat den Auslieferungstermin auf die Veröffentlichung von Björks neuem Album „Volta“ abgestimmt, doch ist „Schattenfuchs“ keine Pop-Novelle, sondern eine verspielte Erzählung aus dem Island des 19. Jahrhunderts. Im Winter des Jahres 1883 verfolgt ein Mann am Rand einer Hochebene verbissen die Fährte einer „erdschwarzen Füchsin“. Der Leser nimmt die Perspektive eines distanzierten Beobachters ein: Anhand von kurzen, fast protokollarischen Abschnitten verfolgt er Mensch und Tier durch die „vereiste Wüste“. Nachdem unter anderem der Inhalt des Proviantbeutels minuziös aufgelistet wurde („getrockneter Dorschkopf, saurer Blutpudding“), fällt schließlich der Name des Jägers. Baldur Skuggason, Pfarrer der kleinen Gemeinde Dalur, hat vor wenigen Tagen eine Tote begraben – und verschließt jetzt mit einem zerknüllten Blatt aus seinem Gebetbuch den Lauf seines Gewehrs, damit ihn das Heulen des Windes in der Mündung nicht verrät.

Die Zusammenhänge zwischen dem Begräbnis und der Fuchsjagd bleiben zunächst verborgen. Sjón setzt mit einer scheinbar anderen, jetzt kompakt erzählten Geschichte an. 1868, also 15 Jahre zuvor, macht sich der Botaniker Fridrik B. Fridjónsson auf den Weg von Dänemark in seine Heimat Island, um den Hof seiner verstorbenen Eltern aufzulösen. Fridrik hat in Kopenhagen studiert, Kenntnisse über Rauschmittel und die französische Poesie gesammelt und will auf keinen Fall in Island bleiben. Doch dann trifft er in Reykjavík auf ein Mädchen namens Abba. Fridrik erkennt, dass sie an jener „mongoloiden Idiotie“ leidet, die der Arzt John Langdown-Down erforscht hat, und er weiß, dass solche „Mongolenkinder“ oft als Säugling erstickt werden.

Abba ist diesem Schicksal entgangen. Stattdessen wurde sie mit zwölf Jahren von ihrem Vater „für einen Vorderlader und einen Sack Schrotkugeln“ an Seeleute verkauft und landete in einem Bretterverschlag in Reykjavík. „Pflanzen-Fridrik“ beschließt, das Erbe seiner Eltern doch anzunehmen, und lebt mit seiner „sonderbaren Freundin“ Abba auf Hof Brekka bei Dalur, bis sie im Januar 1883 stirbt. Fridrik zimmert einen Sarg und schreibt einen Brief an Pfarrer Skuggason. Es geht um Abba und ihre Geschichte. Und kurz darauf macht der Geistliche sich auf in die Berge: Damit schließt sich der erste Kreis dieses schmalen Romans. Die bekannteren Autoren seiner Generation – wie Einar Már Gudmundsson, Einar Kárason Jón Kalman Stefánsson – widmen sich meist den gesellschaftlichen Umbrüchen der Nachkriegszeit, und auch der in Deutschland vermutlich meistgelesene Isländer Arnaldur Indridason beschäftigt sich in seinen Krimis gerne mit sozialen Problemen.

Davon ist Sjón meilenweit entfernt. Es ist kein Zufall, dass er Fridrik während seiner Studentenjahre ausgerechnet Théophile Gautier lesen lässt, jenen französischen Schriftsteller, der für eine „l’art pour l’art“ eintrat. In diesem Sinne überzieht Sjón das Island des 19. Jahrhunderts mit fantastischen Verfremdungeffekten und ironischen Sprachkristallen – bis selbst die entlegenste Einöde inmitten der literarhistorischen und wissenschaftsgeschichtlichen Anspielungen genauso sanft zu glitzern beginnt wie die Lawine, die die Jagd des Pfarrers auf die „moorschwarze und zottige Füchsin“ beenden wird. Kolja Mensing

Sjón: Schattenfuchs. Aus dem Isländischen von Betty Wahl. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007. 126 Seiten, 16,90 €. – Sjón liest heute Abend um 20 Uhr im Berliner Literaturhaus, Fasanenstr. 23.

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