Israelische Literatur : Mensch, du bist mein Bruder

Der 1971 in Jerusalem geborene Schriftsteller Eshkol Nevo erzählt in seinem Roman „Neuland“, was aus Theodor Herzls zionistischer Utopie geworden ist.

Jakob Hessing
An der Klagemauer in der Altstadt von Jerusalem. Israelische Soldaten beten im November 2011. Foto: Abir Sultan/p-a/dpa
An der Klagemauer in der Altstadt von Jerusalem. Israelische Soldaten beten im November 2011. Foto: Abir Sultan/p-a/dpaFoto: picture alliance / dpa

Zu den Reizen der israelischen Literatur gehört es, dass schon die Realität dieses Landes mythische Qualitäten aufweist. Sie erwachsen aus heiligen und säkularen Texten, aus der Bibel nicht weniger als aus der Fantasie des Wiener Journalisten Theodor Herzl. Kurz vor seinem Tod – 1902, fünf Jahre, nachdem er die zionistische Bewegung gegründet hatte – schrieb er in seinem Roman „Altneuland“ die optimistische Utopie des von ihm erdachten Judenstaates nieder. Aber es ist anders gekommen, und aus der Diskrepanz zwischen Traum und Wirklichkeit gewinnen viele israelische Autoren den Stoff für ihre Werke.

Einer von ihnen ist Eshkol Nevo. 1971 in Jerusalem geboren, gehört er zu der jüngeren Schriftstellergeneration, die seit einem Jahrzehnt auf sich aufmerksam macht. Seine Romane reflektieren das zeitgenössische Israel: In „Vier Häuser und eine Sehnsucht“ (2004) entwirft er ein ausgewogenes Panorama von Juden und Palästinensern, in „Wir haben noch das ganze Leben“ (2007) bietet er ein Spektrum von Lebensentwürfen junger Israelis.

Er geht dabei immer über den engen Rahmen von Zeit und Ort hinaus, und diese Mischung aus realistischem, genau beobachtetem Detail und frei schwebender Perspektive hat ihn international bekannt gemacht.

Sein jüngster, von Anne Birkenhauer wundervoll übersetzter Roman heißt auch im hebräischen Original „Neuland“. Der Titel verweist auf Herzls klassischen Text, auf das Motiv einer unerreichbaren Utopie, das dem Zionismus immer eingeschrieben war. Schon Herzl hatte seinen Roman verfasst, als die von ihm initiierte Bewegung in ihre ersten Engpässe geraten war, und ein Jahrhundert später hat sich das Dilemma noch verschärft.

Im Sommer 2006, kurz vor dem Zweiten Libanonkrieg, gehen ein Mann und eine Frau auf die Suche. Beide sind in den Dreißigern, Dori ist Geschichtslehrer an einem Jerusalemer Gymnasium und sucht seinen in Südamerika verschollenen Vater. Dort trifft er auf Inbar, die nach sich selber sucht: Sie kann den Tod ihres Bruders nicht verwinden, der vor Jahren, als er beim Militär war, Selbstmord beging.

Dori ist unglücklich verheiratet, die sich anbahnende Liebesgeschichte, großartig erzählt, wird zur pulsenden Metapher einer Reise, die die Grenzen von Traum und Wirklichkeit auslotet. Es ist Nevos große Kunst, dass er diesen Grenzbereich als das eigentliche Neuland seines Romans sichtbar macht, als das Herzstück aller menschlichen Existenz, das weit über die private Beziehung zweier Reisender hinausreicht.

Nevo gehört zu den Autoren, die von Buch zu Buch besser werden. Viele Gestalten beleben seinen Roman, sie haben ihr eigenes, mit der Haupthandlung immer intim verbundenes Schicksal und sind weit mehr als nur Nebenfiguren. Wir lernen Doris Vater kennen, der im Jom-Kippur-Krieg zum Helden wurde und seine Tapferkeitsmedaille mit einer lebenslangen psychischen Störung bezahlt hat; Inbars Großmutter, die ihr Kurzzeitgedächtnis zu verlieren droht, sich aber noch genau an die Jahre vor der Staatsgründung erinnert; Inbars Mutter, die nach dem Tod ihres Sohnes mit einem deutschen Mann in Berlin lebt; und Alfredo, einen peruanischen Experten für Vermisstensuche, der Südamerika wie seine Westentasche kennt. Er führt Dori nicht nur auf die Spur seines Vaters, sondern schließt ihn auch in sein Herz, beobachtet die beiden Liebenden sehr genau und kommentiert ihre Reise auf eine oft erstaunliche Weise.

Viele Abschnitte des Romans tragen den Namen der Figur, aus deren Perspektive sie erzählt werden. Nevo beraubt sich aber nie seiner auktorialen Freiheit. Ob er sich der Ichform oder der Figurenrede bedient, einen inneren Monolog schreibt oder als allwissender Erzähler auftritt, hängt von der jeweiligen Situation ab. Er ist ein Künstler des großen, flächendeckenden Epos sowie der kleinen, präzis gestalteten Vignette. Roni, Doris Frau, hat sich im Laufe der Ehe von ihrem Mann entfremdet, und Nevo zeigt sie uns nur in der Außenperspektive, als kalten Pol im warmen Strom der menschlichen Beziehungen. Aber einmal, auf acht überraschenden Seiten, geht er in sie hinein, schreibt ihr einen inneren Monolog, sieht die Welt mit ihren eigenen Augen. Und plötzlich, unvermutet, erkennen wir das Unglück, vor dem Doris Vater geflohen ist und dem alle anderen ausgesetzt bleiben: Roni stammt aus dem Kibbuz, aber ihre sozialistische Kindheit ist längst vergessen; überzeugt und überzeugend sieht sie sich als emanzipierte Frau mit Karriere, hält eine leitende Stellung in der Welt der Waren und der Produktion – und ist doch nur ein Teil des Betriebs geworden, ein treibendes, getriebenes Rädchen in der Maschinerie der Zerstörung.

Überall ist das soziale Engagement des Romans spürbar, aber nirgends opfert Nevo seine Kunst einer Ideologie. Er ist ein mutiger Schriftsteller, der es wagt, eine Utopie nicht nur zu benennen, sondern auch vor Augen zu führen: „Neuland“ist nicht nur der Titel des Romans, es ist auch ein Ort, den Doris Vater in Südamerika gegründet hat.

Meni Peleg, in seinem früheren Leben erfolgreicher Krisenberater israelischer Firmen, ist selbst in die Krise geraten. Unaufdringlich schwebt eine Ironie über seinem Unternehmen, das er nicht zufällig im fernen Argentinien startet, an einem Ort, wo es hundert Jahre zuvor schon einmal ein jüdisches, nicht zionistisches Siedlungsprogramm gegeben hatte.

„Mensch, du bist mein Bruder“ steht auf dem Tor zu der abgeschirmten Farm, die er für seine Auserwählten eingerichtet hat. Es ist die vielleicht bündigste Formulierung aller Utopien, und sie beruht auf dem Gedanken, dass Gott unser aller Vater ist, hier aber begegnet ein biologischer Sohn seinem biologischen Vater – und auch diese Ironie, wie manch anderer Symbolgehalt, schwingt nur leise mit.

Dori und Inbar leben einige Tage in Menis Kolonie der Weltverbesserer, dann holt die Wirklichkeit sie ein: Der Zweite Libanonkrieg ist ausgebrochen. Sie kehren in das Land zurück, in dem alles angefangen hat, leben eine Weile getrennt in ihren jeweils anderen Welten, und dann, am Ende, treffen sie sich wieder: an der Klagemauer in Jerusalem, dem heiligen Raum, in dem alles noch einmal zusammenkommt – das Exil und die Verheißung, der Schmerz des Verlustes und seine immerwährende Sehnsucht.

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