Kultur : Ist das nicht alles gigantischer Kitsch, Herr Koons?

Herr Koons[auf Ihre groß angekündigte]

Jeff Koons, amerikanischer Künstler, wurde 1955 in York / Pennsylvania geboren, und lebt heute in New York. In seinen ersten, noch wenig beachteten Arbeiten verfremdete er Alltagsgegenstände wie fabrikneue "Hoover"-Staubsauger, stellte sie in fluoreszierende Plexiglas-Vitrinen und erklärte sie zu Luxusobjekten. In den achtziger Jahren schuf er Werkgruppen wie "The New", "Luxury and Degradation" oder "Banality" und erzielte legendäre Verkaufserfolge. 1991 heiratete er die Italienerin Ilona Staller, die vor und nach ihrer Ehe mit Koons als Porno-Darstellerin "La Cicciolina" für Schlagzeilen sorgte. Nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Ludwig Maximilian trennte sich das Paar. Anschließend entbrannte ein heftiger Sorgerechtsstreit um das Kind. Die 1993 angekündigte Serie "Celebrations" bildet seither den Mittelpunkt der Arbeit von Koons. Als erster Teil wurde die Skulptur "Balloon Flower" Ende Februar vor kurzem am Potsdamer Platz enthüllt.

Herr Koons, auf Ihre groß angekündigte Serie "Celebrations" wurde lange gewartet. Namhafte Museen wie das Guggenheim Bilbao mussten sich immer wieder gedulden. Immerhin ist der erste Teil jetzt fertig, verkauft und aufgestellt - ein öffentlicher Koons-Beweis in Berlin. Läuft es nun auf eine Premiere in Raten hinaus?

Nein. Es wird "Celebrations" auch als Serie geben. Im Mai 2001 kann man sie in einer Retrospektive im New Yorker Guggenheim-Museum sehen. Sie geht danach auf Tournee - vielleicht nach Schanghai. Vielleicht auch Berlin. Das wird noch entschieden.

Sie machen es wieder sehr spannend.

Es braucht diese Zeit. "Celebrations" ist für mich ein gigantisches Projekt. Zwanzig große plastische Arbeiten und 17 großformatige Bilder. Zugegeben, wir hatten bei den Skulpturen viele ungeplante Störungen, mit dem Material, mit der Farbe, mit dem Guss. Die Oberfläche war das schwierigste Problem.

Für die Lösung haben sie seit 1998 eine Firma in Thüringen beauftragt. Was trieb Sie denn dahin?

DaimlerChrysler hatte schon gute Erfahrungen dort gemacht. Die Leute von Arnold-Diller sind hoch spezialisiert auf komplizierte Metallarbeiten. Meine Skulptur "Balloon Flower" ist aus Edelstahl und musste eine absolut reine Oberfläche haben. Ich war selbst vier, fünf Mal bei den Polierern und weiß, dass sie eine immense Arbeit geleistet und sich sehr eingesetzt haben. Ich bin in der Gegend sogar zum ersten Mal selbst in einem Ballon geflogen. Das war völlig verrückt. Anfangs fehlte mir das Vertrauen. Der Ballonfahrer war sehr jung. Ich hielt das für ein Risiko. Aber als ich ihn fragte, ob er schon einige Jahre Erfahrungen mit dem Ballonfliegen hätte, meinte er, dass es in der ganzen Gegend niemanden gibt, der das schon lange machen würde. Es war wohl verboten, zu nahe an der Grenze zwischen Deutschland und - pardon, wie hieß das Land da früher ...

DDR ...

genau - also Ballons waren regelrecht tabu. Ist es nicht schön und skurril, ausgerechnet dort, wo meine "Balloon Flower" entstand?

Sie sehen das sehr symbolisch. Aber erlauben Sie mir eine eher praktische Frage. Für die Politur wurde sogar eine Spezialmaschine entwickelt. Warum musste denn alles so gnadenlos glatt sein?

Haben Sie sich einmal selbst in der Blume gespiegelt? Dann wissen Sie, die Oberfläche gibt absolut identische Bilder. Ohne Verzerrungen, ohne Irritation. Als ob man vor einem guten Spiegel steht. Das gehörte zu ja meiner Idee. Die Betrachter sollen nicht erschreckt zurückweichen, weil sie plötzlich vor einem Zerrbild ihrer selbst stehen. Man soll meiner Kunst trauen. Man soll sie sofort verstehen. Sie ist das, was man sieht.

Also eine riesengroße blaue Luftschlange, die jemand zur Blume geknautscht hat?

Genau das. Aber ganz groß und nicht kaputt zu kriegen. Auch die anderen Skulpturen zeigen ganz simple Sachen. Ein Hündchen, ein Herz, einen Hut, einen Berg, ganz herrlich, wie aus Plastilin gemacht. Das alles soll sehr authentisch wirken, einfach, glaubwürdig, wie bei einem gigantischen Kindergeburtstag.

Ist das nicht eher gigantischer Kitsch?

Ich weiß ja, dass viele Kitsch so definieren.

Es heißt gleich: banale Kunst.

Oder schlechter Geschmack.

Dabei gefallen mir die simplen Dinge, die jeder kennt. Die einfachen Farben. Sie können in der Blüte natürlich auch weibliche Formen sehen und im Blütenstiel die männliche Energie ...

eher nicht.

Nennen Sie es Kitsch, aber ich finde es wunderbar, wenn Menschen in der Kunst Dinge entdecken, die sie aus ihrem Alltag kennen. Wozu müssen sie erst jemanden fragen, der ihnen dann eine Menge Theorie vorkaut und etwas Unverständliches erklärt, das sich moderne Kunst nennt? Das halte ich für sehr zynisch. Die Betrachter meiner Kunst sollen sich gut fühlen und sicher. Einfach okay. Ich selbst bin mit viel Vertrauen auf die Welt gekommen. Aber es ist schon anders geworden. Seitdem meine Ex-Frau meinen Sohn entführt hat, ahne ich, was Menschen sich gegenseitig antun können. Der Streit um das Sorgerecht war die finsterste Zeit meines Lebens. Aber reden wir weiter nicht darüber.

Man las von Finanzierungsproblemen. Für "Celebrations" war erst von 15, dann von 50 Millionen Dollar die Rede. Treibt Sie diese Werkgruppe in ein finanzielles Fiasko?

Es war von Anfang an klar, dass es sehr teuer wird. Nun kostet es leider mehr. Aber keine Sorge. Ich darf schon sagen, dass ich weiß, wie man Geld verdient.

Sie haben immerhin Erfahrungen als Broker an der Börse und als Blitzverdiener auf dem Kunstmarkt.

Ach ja, die Börse. Das war nur am Anfang, als ich wusste, dass ich mehr Geld für meine Projekte brauche, als mir ein gewöhnlicher Job je einbringen wird. Aber so ist das immer mit alten Geschichten. Man kriegt von den Medien eine Schublade verpasst, und egal, was man tut, alles passt da rein.

Haben Sie die Koons-Klischees vom Szeneclown und Superstar nicht voller Absicht selber entworfen? In Hamburg steht "Jeff Koons" jetzt sogar als Theaterstück von Rainald Goetz auf der Bühne. Ist das eigentlich eine vorläufige Autobiografie?

Das wäre ein Missverständnis. Das Stück von Goetz ist ein ganz eigenes Kunstwerk. Darin geht es um Spielregeln, um den Kunstbetrieb, um das ganze Theater damit. Ich fühlte mich sehr geehrt, als mich Rainald Goetz um mein Einverständnis bat, meinen Namen als Titel dafür zu nehmen. Ich habe die Aufführung gesehen. Das Stück gefällt mir. Aber es ist keine Autobiografie.

Ich habe jahrelang versucht und nur mit mäßigem Erfolg, meinen Kindern in Sachen Kunst das "Anfassen verboten" beizubringen. Das gilt bei Ihnen wohl nicht?

Im Gegenteil. Ich finde es wunderbar, wenn man die Plastik anfassen kann oder draufklettern darf. Dort, wo "Balloon Flower" steht, ist dafür ein wunderbarer Platz. Und Kinder haben davon instinktiv viel mehr Ahnung. Sie brauchen keine Theorie oder Philosophie. Sie sehen es wie ich als Artefakte, als einfache Zeichen. Es gefällt ihnen oder nicht. Und für mich ist es ein Zeichen, dass mein Sohn weiß, wie sehr ich an ihn denke.Das Gespräch führte Thea Herold.

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