Kultur : Ist das Stadttheater am Ende, Herr Schindhelm?

JÖRG KÖNIGSDORF

MICHAEL SCHINDHELM, Theaterintendant, hat in den letzten Jahren dem Stadttheater Basel zu internationaler Beachtung verholfen.Dem Diplomchemiker ist es seit seinem Amtsantritt 1996 gelungen, das traditionsreiche Dreispartenhaus zu einem Modellfall für die Institution Stadttheater auszubauen und den Fortbestand der abwicklungsbedrohten Bühne dauerhaft zu sichern.Durch Hinzuziehung von Regisseuren wie Christoph Marthaler, Herbert Wernicke und Frank Castorf und die Zusammenarbeit mit Schauspielchef Stefan Bachmann und Tanztheaterchef Joachim Schlömer hat Schindhelm immer wieder dafür gesorgt, daß das Basler Theater in allen drei Stadttheatersparten innovative Akzente setzen konnte.Nach seinem Chemiestudium war der 1960 in Eisenach geborene Schindhelm auch als Übersetzer und Theaterautor tätig, bevor er 1990 Leiter der Bühnen Nordhausen und 1992 Intendant der Bühnen Altenburg-Gera wurde.Mit Schindhelm, der gerade seinen Vertrag in Basel bis zum Jahr 2004 verlängert hat, sprach Jörg Königsdorf.

TAGESSPIEGEL: Sehen Sie sich als Leiter eines Dreispartenhauses nicht wie ein Fußballtrainer dreier Mannschaften, der nur nach dem Tabellenstand der schlechtesten beurteilt wird?

SCHINDHELM: Die Situation ist mehr die eines beständigen Turniers, bei dem das Gegenüber erst sichtbar wird, wenn etwas mißlingt, die Angreifer im öffentlichen Raum sichtbar werden.Denn "der Zuschauer" läßt sich heute nicht mehr definieren, weit mehr als früher besucht eine Vielzahl von Menschen mit völlig unterschiedlichen Erwartungen ein Theater.Wir sind in Basel als Dreispartenhaus in der Situation, mit den großen Einspartenhäusern zu konkurrieren.Hier arbeiten Regisseure wie Castorf und Wernicke, die meisten für deutlich weniger Geld als an den großen Häusern.Das funktioniert allerdings, weil unserer Steuergesetzgebung theatertfreundlicher ist und weil es bei allen, auch in der Technik, einen Respekt vor der Kunst gibt, der nicht selbstverständlich ist.

TAGESSPIEGEL: Aber schaffen diese Regisseure bei der Kritik nicht ein Anspruchsniveau, dem zumindest im Opernbereich ein festes Ensemble nur begrenzt gerecht werden kann?

SCHINDHELM: Ich denke nicht, daß man 100 Millionen Franken wie in Zürich braucht, um ein gutes Casting hinzubekommen.Ohnehin braucht man für einen Regisseur wie Castorf andere Sänger.Hier zählt mehr deren integrale Qualität als Sänger und Darsteller.Wir haben in der Oper übrigens nur ein recht kleines Ensemble von 14 Solisten, ein Großteil läuft über Gastverträge, nur daß wir auch zu den Gästen dauerhafte künstlerische Beziehungen anstreben.

TAGESSPIEGEL: Anders als selbst kleinere Häuser hat das Basler Theater kein festes Repertoire aufgebaut, sondern spielt seine Produktionen in drei, vier Monaten ab.Würden Sie solche kurzen Laufzeiten auch anderen Theatern empfehlen?

SCHINDHELM: Nicht unbedingt, denn diese Politik hängt mit dem Basler Publikumsverhalten zusammen: Hier ziehen einfach nur Neuproduktionen.Wir haben das bei der letzten Opernpremiere unserer Spielzeit, Donizettis "Maria Stuarda", erlebt, die vor der Sommerpause randvoll war und im Herbst nur sehr schleppend wieder anlief - obwohl wir für die Wiederaufnahme mehr geworben hatten als für die Premiere.Andere Häuser wie etwa Mannheim haben dieses Problem nicht, da sie einen wesentlich größeren Abonnentenstamm besitzen.Da sind auch bei älteren Produktionen schon zwei Drittel der Plätze im voraus besetzt.Bei uns regelt sich mehr über den freien Verkauf, deshalb müssen wir auch stärker werben.

TAGESSPIEGEL: Ist Basel da nicht lediglich einer allgemeinen Entwicklung einige Jahre voraus? Das Abonnentensystem ist doch generell am Aussterben.

SCHINDHELM: Die Abonnenten sind nun einmal der ältere Teil des Publikums.Die sind dann irgendwann so alt, daß sie nicht mehr ins Thaeter gehen können, oder bleiben weg, weil sie mit dem Theater der neunziger Jahre oder des kommenden Jahrzehnts nichts mehr anfangen können.Denn ihre Sozialisation haben die ja an einem ganz anderen Theater erlebt.Theater wird immer stärker auf spontane Entscheidungen angewiesen sein, und daher auch stärker werbungs- und qualitätsabhängig.

TAGESSPIEGEL: Ist solche Qualität an kleineren Bühnen überhaupt zu gewährleisten? Oder ist etwa in Ostdeutschland eine grundlegende Umstrukturierung der Theaterlandschaft fällig?

SCHINDHELM: Nun, einerseits erlebt man ja selbst in Metropolen oft Überraschungen über die Qualität des Gebotenen.Wenn die Leitungsebene nicht den täglichen Betrieb überwacht, sinkt das Aufführungsniveau oft ganz rapide.Wenn ich in Basel bin, schaue ich mir jedenfalls jede Vorstellung zumindest zum Teil an und rede mit dem Abendspielleiter.Aber in Bezug auf die kleineren Bühnen in der einstigen DDR haben Sie recht.Hier wären nach der Wende Umstrukturierungen notwendig gewesen, die versäumt oder zu spät angepackt wurden, um die drohende Verschrottung des Systems zu verhindern.Das schlimmste ist jedoch fast überall die Inkompetenz der Kulturpolitik.Neulich habe ich gelesen, daß die Stadtverordneten in Weimar sich wieder gegen die Fusion mit Erfurt entschieden haben und noch immer die Rosinen im Kopf haben, es könne auch allein gehen.

TAGESSPIEGEL: Und so spart jede Bühne für sich allein und schafft erst einmal das Ballett ab, statt an eine übergeordnete institutionelle Lösung zu denken.

SCHINDHELM: In Gera haben wir lange darüber diskutiert, ob wir eine Thüringische Ballettkompagnie brauchen.Ich habe mich damals bewußt dafür entschieden, die klassische Kompagnie auszubauen, statt sie wie ich es hier in Basel getan habe, zugunsten eines Tanztheaters abzuschaffen.Da war die Zielvorgabe nicht, in einer Sparte europäisches Niveau zu erreichen, sondern eine zwischen repertoirefähigem Tanztheater und neoklassischem Ballett angesiedelte Vielfalt zu bieten.Das war eine Entscheidung, die uns eine Grundlage für eine Neuorganisation der dortigen Tanzszene schaffen sollte.Allerdings habe ich jetzt schon lange nichts Gutes vom Geraer Ballett mehr gehört.Es wird wohl auch da schon zu spät gewesen sein...

TAGESSPIEGEL: Am Theatersterben in Ostdeutschland wird also kein Weg vorbeigehen.

SCHINDHELM: Nein, und bei aller Trauer ist das auch gut so.Denn was für einen Auftrag hat ein Theater noch, das nur "Jesus Christ Superstar" und "Schneekönigin" spielt? Die die sich für Ibsen und Verdi interessieren, sind sowieso nur eine kleine Minderheit und gehen oft nur hin, weil Ihnen die Theaterleitung über den Spielplan die Auswahl-Entscheidung abgenommen hat.Zur Identitätsstiftung taugt das schon lange nicht mehr - ebensowenig übrigens wie zu Vorwendezeiten.Was heißt eigentlich Identität? Kabelfernsehen plus Pauschalreise - das ist auch das Freizeitprogramm der Berliner Republik.

TAGESSPIEGEL: Wie gehen Sie denn die Identitätsstiftung in Basel an?

SCHINDHELM: Wir leben in einer Zeit, in der das einzig sichere ist, daß nichts sicher ist.Menschen kommen von überallher, der Fremde ist der, der an seinem angestammten Ort bleibt.Wir haben in Basel Schulklassen, da ist von 35 Kindern eines Schweizer, und das ist schwarz.In so einem Umfeld muß ein Theater darauf achten, daß es nicht zum verstaubten Relikt eines entfremdeten Heimatbegriffes wird.Bei uns arbeiten Künstler aus 20 Ländern, unsere Produktionen gehen ins Ausland, wie Händels "Giulio Cesare" nach Washington und Barcelona.Das ist unser Beitrag zur Repräsentation der Realität unserer Stadt.

TAGESSPIEGEL: Kann ein Dreispartenhaus nicht unter Umständen sogar flexibler auf dieses veränderte Kulturbedürfnis reagieren als ein reines Schauspiel oder eine reine Opernbühne?

SCHINDHELM: Natürlich, wenn nur alle zusammenarbeiten und zwischen den Sparten kein kalter Krieg hochgezogen wird.Ideen entstehen, gerade weil jeder die Arbeit des anderen wahrnimmt, weil der Tanztheaterchef Joachim Schlömer genauso im Schauspiel sitzt wie Schauspielchef Stephan Bachmann in der Oper.

TAGESSPIEGEL: Bezieht sich diese Grenzüberschreitung auch auf die Spielorte?

SCHINDHELM: Nein, ins Theater müssen sich die Leute schon noch bewegen.Wir bauen jetzt gerade hier um die Ecke ein neues Schauspielhaus.Das wird mit dem Theater sogar durch einen Tunnel verbunden sein.Da hatten auch etliche vorgeschlagen, man solle in die Vorstadt gehen.Von solcher Dezentralisierung halte ich nichts.Das kann man mal machen - Christoph Schlingensief ist bei uns mit einem Projekt gezielt aus dem Theater herausgegangen, aber das muß die Ausnahme bleiben.Die Aufgaben, die ein Theater erfüllt, sind viel zu komplex und spezialisiert, als daß sie in einer Vorstadtdisco wahrgenommen werden könnten.Das Theater als öffenlicher Raum muß nun einmal hier, im Herzen der Stadt gefüllt werden.

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