Kultur : Istanbul im Neunachteltakt

Gaye Boralioglu erzählt von einer Königskinderliebe.

Erhard Schütz

Ein Standardsatz türkischer Soaps lautet: „Wir kommen aus verschiedenen Welten.“ Der junge, aber schon hoch gepriesene Binooki-Verlag hat sich die Übersetzung zeitgenössischer türkischer (oder eher Istanbuler) Literatur zur Aufgabe gemacht. Er kommt nun mit einem Roman heraus, dessen Titel, eine blutig glänzende Rose vor schwarzem Hintergrund, suggeriert: Gefährliche Leidenschaften!

Die Protagonisten von Gaye Boralioglus Roman „Der hinkende Rhythmus“, dem ersten auf Deutsch erscheinenden Buch der Autorin, stammen aus Welten, die das zu belegen scheinen: hier die 15-jährige Roma Güldane, die vom Blumenverkauf lebt, dort Halil, der mutterverfolgte Mittdreißiger aus wohlhabendem Hause. Ihr Liebeskampf – eine Königskinderliebe mit Carmen-Touch? Ja, das auch. Güldane strippt gelegentlich hinterm Fenster des Badezimmers. Ihr jüngerer Bruder Yunus, der sonst das Tamburin im Neunachteltakt, dem hinkendem Rhythmus, schlägt, sammelt derweil mit diesem bei den gaffenden Jungmannen des Viertels. Der Fahrer eines schwarzen Jeeps provoziert mehrmals abends das Blumenmädchen, indem er es heranwinkt und dann losfährt. Schließlich wirft es ihm eine Handvoll Kalkstaub ins Gesicht, der Wagen schlingert in eine Baugrube.

Halil wacht nach Tagen schwer verletzt und fast erblindet im Krankenhaus auf, versucht allmählich, sich aus Invalidität und Trauma herauszukämpfen. Fortan werden die beiden sich suchen, real und in Gedanken. Sie irren dabei nicht nur in unterschiedlichen sozialen, sondern auch Geschlechterwelten umher. Dann eskaliert beider Sehnsucht. Nichts geht gut. Und doch ist das Ende ein Ausblick ins Leben.

Bei aller melodramatischen Spannung findet sich immer auch situative, gar groteske Komik. Vor und über allem aber zeigt sich in dieser bewegenden Liebesstudie ein ausgeprägter Sinn für Vielfalt und Kontraste der Metropole Istanbul, ohne dass man irgend von dümmlich abzuhakender Problemprogrammatik behelligt würde. Davor schützt die eskalierende Turbulenz der Handlung ebenso wie ihre Inszenierung in filmischer Intensität, vor allem jedoch Boralioglus ganz und gar klischeeferne Beobachtungsgabe und ihre sinnlich-plastische Sprache. Erhard Schütz

Gaye Boralioglu: Der hinkende

Rhythmus.

Roman. Binooki,

Berlin 2013.

251 Seiten, 15,90 €.

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