"It's a free world" : Skrupellos nett

Kierston Wareing brilliert im Film "It's a free world" als Glückssucherin. Selbst ausgebeutet gründet sie eine Agentur für Zeitarbeit. Ab Donnerstag ist der Film in den Kinos zu sehen.

Sebastian Handke

Sein Glück darf man suchen. Aber was, wenn das eigene Glück das eines anderen beschneidet? Zehn Mal in sechs Jahren hat Angie (Kierston Wareing) den Arbeitsplatz wechseln müssen. Jetzt will sie ihr Glück erzwingen. Die Personaldienstleisterin, spezialisiert auf die Vermittlung arbeitsloser Osteuropäer, die mit einem Billigjob in Großbritannien ein besseres Leben finden wollen, gründet mit Freundin Rose (Juliet Ellis) eine Agentur. Ein schwieriges Geschäftsfeld.

Anfangs sind die Gesetzesübertretungen der beiden Frauen noch zaghaft. Ohne Papiere fangen sie an: das Büro in der Wohnung, Sammelstelle für die Zeitarbeiter ist jeden Morgen der Hof hinterm Lieblingspub. Doch Fleiß und Wille sind nicht genug, um in diesem Haifischbecken zu bestehen – Angie droht zwischen Unternehmern, Menschenhändlern und aufbegehrenden Arbeitern zerrieben zu werden. Als sie erstmals einen illegalen Einwanderer beschäftigt, tut sie das noch aus Mitgefühl. Aber schließlich beutet sie die „Illegalen“ zum eigenen Nutzen aus. Angie verliert die moralische Richtschnur, riskiert immer mehr – und tut schließlich Dinge, für die man sie eigentlich hassen müsste. Das Bemerkenswerte ist, dass es schwerfällt, diesen Hass aufzubringen.

Engagierte Filmemacher, da ist Ken Loach keine Ausnahme, widmen sich meist den Opfern. Diesmal stellt er eine „Täterin“ in den Vordergrund. Er tut dies aber auf eine Weise, dass man sich fast mit ihr identifizieren kann. Das liegt zum größten Teil an seiner Hauptdarstellerin Kierston Wareing, einer echten Entdeckung. Sie verkörpert Angie als ambitionierte Mittdreißigerin, deren Entschlossenheit, die vielleicht letzte Chance aufs eigene Glück nicht verstreichen zu lassen, sich sehenden Auges verselbstständigt.

Der Film hat durchaus seine Schwächen. Angies extremer Stimmungswechsel zwischen Mitgefühl, wenn sie eine illegale Familie kurz entschlossen bei sich einquartiert, und Rücksichtslosigkeit, als sie dieselbe Familie später zum eigenen Vorteil an die Behörden ausliefert, ist zu krass, um noch aus dem Charakter heraus begründet zu sein. Hin und wieder muss eine der Nebenfiguren Sätze aufsagen, die aus einem Thesenpapier stammen könnten. Und wenn Loach gegen Ende noch ins Thriller-Fach wechselt, stört das eher, als dass der Film an Dringlichkeit gewinnt. Das vielschichtige Frauenporträt, das Loach und Kierston Wareing gemeinsam entwerfen, lässt die Unebenheiten allerdings schnell vergessen.

Ken Loach erfindet seine Figuren, um die Logik des gesellschaftlichen Zwangs offenzulegen: Wie fügt sich das Tun eines Einzelnen in jenes Große, das heute Globalisierung heißt und in dem die Freiheit der einen mit der Unfreiheit der anderen erkauft ist? Doch es ist bemerkenswert, wie Loach und sein langjähriger Autor Paul Laverty immer wieder das Politische und das Persönliche ins Gleichgewicht bringen. Mit „It’s a Free World“ ist es ihnen erneut gelungen, Zusammenhänge, die mit Worten kaum zu erklären wären, glaubwürdig, menschennah und auf warmherzige Weise erfahrbar zu machen. Mehr noch, Loach gewinnt dem schweren Sujet eine gewisse Leichtigkeit ab. Sebastian Handke

Ab Donnerstag in den Kinos Central (OmU), Kino in der Kulturbrauerei, Moviemento (OmU), Neue Kant Kinos

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