Kultur : Ivan Klima: Das lange Warten auf Licht

Jörg Plath

Für Ivan Klima kam die samtene Revolution 1989 fast zu spät. Nach 20 Jahren Publikationsverbot war aus dem vielversprechenden Autor der Periode vor dem Prager Frühling beinahe übergangslos ein gesetzter älterer Künstler geworden. Seine besten Jahre hatte er im Samisdat und für das Ausland geschrieben.

Ivan Klima gründete 1989 den unabhängigen Schriftstellerverband mit und amtierte von 1990 bis 1993 als Vizepräsident des tschechoslowakischen PEN-Clubs. Aber wie wenig die neue Zeit die seine war, zeigte sein Roman "Warten auf Dunkelheit, Warten auf Licht" (1993, deutsch 1995). Die Hauptfigur Pavel Fuks filmt als Kameramann des staatlichen Fernsehens die Demonstrationen vor der Wende. Vor dem Gefühl der Leere rettet er sich in die Arbeit an einem Drehbuch, einer erfüllten Parallelversion seines eigenen Lebens. Doch nach 1989 verliert Fuks seine Geliebte und die Anstellung. Das Gefühl der Entfremdung nimmt überhand, aber nun kann er dafür nicht mehr die politischen Verhältnisse verantwortlich machen. Nur sich selbst.

Die männlichen Figuren Ivan Klimas sind allesamt Melancholiker. Sie leiden an ihrer Unwahrhaftigkeit. Lest den Roman "Der Gnadenrichter" (deutsch 1979) nicht politisch, bittet Klima in einem ungewöhnlichen Vorwort, sondern als Erzählung über eine "kranke" Zivilisation und Menschen, die ein "unauthentisches Leben" führen. Es liegt nahe, dies ethisch-moralische Beharren auf menschlichen Grunderfahrungen als Folge der dreifachen Traumatisierung zu interpretieren, die Klima erleiden musste: im Konzentrationslager Theresienstadt, in das man ihn als Zehnjährigen 1941 mit seinen Eltern deportierte, im Stalinismus und als Dissident. 1969 wurde die wichtigste tschechische Literaturzeitschrift verboten, deren stellvertrender Chefredakteur er seit 1963 war; zwei Jahre zuvor hatte ihn die Kommunistische Partei ausgeschlossen.

Nach dem Ende des Prager Frühlings lehrt der vielbeachtete Dramatiker ("Ein Schloss", "Die Geschworenen") ein Jahr an der University of Michigan. 1970 kehrt er trotz des drohenden und dann für zwanzig Jahre verhängten Publikationsverbots zurück. Er folgt Milan Kundera und Pavel Kohout nicht ins Ausland, und er ist auch nicht - wie 1975 Bohumil Hrabal - bereit, sich vor der Partei zu verbeugen, um wieder verlegt zu werden. Das Leben in der "grauen Zone" (Vaclav Havel) ist Ivan Klimas Sache nicht. Er arbeitet als Müllmann, Sanitäter, Bote, Landvermessergehilfe und beschreibt das Dissidentenleben in den Erzählungsbänden "Meine fröhlichen Morgen", "Meine goldenen Handwerke" und "Meine ersten Lieben".

Unlösbar aber bleibt für Klima der Konflikt zwischen dem unbedingten, authentischen Gefühl und der Verpflichtung anderen Menschen gegenüber. Seine melancholischen, oft verheirateten Männer verfallen starken, lebensfrohen Frauen. Der "Liebessommer" (1973) endet mit Tod und Zerstörung, in "Liebe und Müll" (1987, deutsch 1991) findet der Ehemann einsichtsvoll zur Gattin zurück.

Anders als Milan Kundera, mit dem er zuweilen verglichen wird, ist Ivan Klima kein kühl kalkulierender Spieler. Er benutzt Perspektivenwechsel und Montage im festen Glauben, dass Authentizität und Moral unverbrüchliche Werte sind. Diese ethische Grundannahme lässt seine Bücher immer wie gute alte Bekannte erscheinen. Heute feiert Ivan Klima seinen 70. Geburtstag.

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