Kultur : Ja-Sarger und Nein-Sarger - Schiller Theater zeigt die Bühnenfassung des Romans

Christoph Funke

Schneewittchen, im weißen Kleid, mit Blüten wie Schnee übersät, liegt im Glassarg, mit fragende geöffneten Augen. Aber diese schöne Puppe ist nicht Schneewittchen, das ist Rita Seidel, oder eine Vorstellung, ein Traum von ihr. Denn Rita, 19 Jahre alt, ist nach einem Selbstmordversuch erwacht, "sie war ohnmächtig. Sie kommt von weit her. Sie hat noch undeutlich ein Gefühl von großer Weite, auch Tiefe..." Die Bühnenfassung von Christa Wolfs Roman "Der geteilte Himmel" für das Berliner carrousel Theater sucht diese Tiefe auf die Bühne der Schiller-Theater-Werkstatt zu bringen.

Hinten die impressionistisch glühenden Farben des Gemäldes vom Gang durch das Mohnblütenfeld, vorn der gläserne Sarg. Odette Bereska, die Bearbeiterin, Axel Richter, der Regisseur, wollen das Gefühlige gerade nicht. Sie machen ein Experiment. Mit Bänken aus der Turnhalle, mit Spinden rechts und links, mit dem leeren Raum in der Mitte (Bühne und Kostüme: Ulrike Kunze). Die Aufführung holt alles wie aus einem Baukasten, dessen Teile schon Jahrzehnte unbeachtet herumliegen und nun, beim Auskramen, immer wieder zum Staunen verführen: Welche Kleider! Welche Musik! Welche Tänze! Und dann die Leute, die in dieser Zeit der fünfziger und sechziger Jahre lebten, in Halle und den nahen Dörfern.

Rita Seidel bringt sie, sich erinnernd, zum Leben. Und stellt zugleich "Bilder", Vorstellungen von ihnen her. Denn diese Arbeiter, Studenten, Lehrer, Funktionäre, diese Männer, Frauen, Mädchen suchen, finden, verlieren sich im Tanz, geben sich hin an das, was die Himmel-Hölle-Herz-Combo ihnen aufspielt - und sie bergen sich unter wechselnden Masken. Denkprozesse will Axel Richter mit seinen Schauspielern nicht erklären, sondern vorführen, in der Art, wie sich Menschen bewegen, miteinander umgehen. Ein Spiel also, in dem die Steine gesetzt und wieder durcheinandergeworfen werden. Eine Begegnung mit zurückliegender DDR-Wirklichkeit, prüfend betrachtet und mit ruhiger Überraschung zur Kenntnis genommen. Dazu gehört, dass Debatten auch gestisch "aufgeladen" sind, bis zum affigen Wettstreit der um Rita balzenden Männer. Christa Wolf hat in ihrem Roman, 1963 erschienen, den verheerenden Einfluss einer Diktatur auf das individuelle Glücksverlangen beschrieben, mit schmerzhaften Deutlichkeit. Rita, das Mädchen vom Dorfe, zum Lehrer-Studium in die Stadt gekommen und dort zunächst in einer Waggonfabrik arbeitend, folgt ihrem Geliebten, dem jungen Wissenschaftler Manfred Herrfurth, nicht in den Westen, in das andere Deutschland. Aber diese Entscheidung führt sie bis zum Abgrund der Selbstaufgabe.

In der Aufführung des carrousel Theaters erhalten Ritas Erinnerungen, die mit dem 13. August 1961 abbrechen, den Charakter eines Vorschlags, über die mögliche Gestaltung von Leben. Johanna-Julia Spitzer betont als Rita das Kindliche und doch Selbstbewusste eines Lebensversuchs zwischen Glück und Verzweiflung. Michael Mienert, als Manfred Herrfurth, bleibt sehr spröde, eingesponnen in düstere Gedanken, die ihn Freiheit zum großen Gefühl kaum finden lassen. Unter den Mitspielern fallen Wesselin Georgiew und Ramona-Kunze-Libnow auf, weil sie durch die Masken prägnante, bis zum Parodistischen getriebene Haltungen für das Böse und auch für das Gute im Menschen zeigen.Schiller Theater-Werkstatt, Aufführungen heute und am 22. Dezember sowie am 13., 14. und 15. Januar, 19.30 Uhr.

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