Kultur : Jäger des verlorenen Schatzes

Die Konzentration des deutschen Buchhandels

Gregor Dotzauer

Die frohe Botschaft ertönt rechtzeitig zur Messe: Der deutsche Buchmarkt hat den Einbruch zur Jahrtausendwende mit vorsichtigen Umsatzsteigerungen überwunden. Zugleich schwillt wieder ein apokalyptisches Summen an: Der Untergang steht bevor. Doch sowohl für reinen Zweckoptimismus wie für haltlosen Pessimismus sind zu viele widerstreitende Interessen einer Branche im Spiel, die mehr denn je zwischen kulturellem Denken und ökonomischem Handeln zerrissen ist. Es existiert nun einmal ein absurdes Missverhältnis zwischen dem Reichtum von fast 90 000 neuen und neu aufgelegten Titeln pro Jahr – und dem Bruchteil, der davon überhaupt in den Handel finden kann. Und es gibt einen schreienden Widerspruch zwischen den politischen Sonntagsreden zum Thema Bildung – und der Gleichgültigkeit, mit der sich ein Teil des Buchhandels aus der Verantwortung für die kulturelle Seite des Geschäfts davonstiehlt.

Die Gründe für den Umbruch der Branche liegen offen. Erstens: Nach Jahren der Konzentration im Verlagswesen erfolgt nun die große Konzentration im Buchhandel. Zweitens: Die wirtschaftliche Macht verlagert sich von der Produktion zur Distribution – und das schlägt auf die Produktion zurück. Drittens: Der klassische Buchvertrieb löst sich auf zugunsten eines allgemeinen Medienvertriebs. Viertens: Die Ökonomisierung aller kulturellen Verhältnisse hat zur Folge, dass Markt und geistiges Leben sich entkoppeln. Fünftens: Viele der Beteiligten operieren an einer Sättigungsgrenze und versuchen, die erschöpfte Aufmerksamkeit entweder durch Dumpingpreise im modernen Antiquariat oder durch Eventisierung neuer Titel wachzukitzeln.

Wenn die Relationen stimmen, könnten alle profitieren: die Leser, die Publikums- und Fachverlage, die großen und kleinen Buchhandlungen. Nur, es sieht nicht danach aus. Und die Hoffnung auf die Selbstregulierung des Marktes scheint nicht zu tragen. Vielleicht muss man der „invisible hand“ des Wirtschaftsphilosophen Adam Smith – seinem Gedanken, dass eigennütziges Gewinnstreben unmerklich Gemeinwohl produziert – doch ein wenig auf die Finger klopfen.

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