Kultur : Jagd mit dem Bleistift

Der Berliner Künstler Vitek Marcinkiewicz zeichnet atemlose Bilderfolgen

Christiane Meixner

Der Film musste billig realisiert werden, und sein schmales Budget sieht man ihm durchaus an. Dass „French Connection“, William Friedkins irrwitzige Hetzjagd durch ein kaputtes New York der Siebzigerjahre, dennoch fünf Oscars erhielt, liegt nicht zuletzt an seiner genialen Besetzung mit Gene Hackman, den schnellen Schnitten und einer eigenwilligen Kameraperspektive. Schauplatz des Thrillers ist Brooklyn, und wie es sich für einen Gangsterfilm gehört, dominieren Drogen, Verfolgungsjagden, Schießereien und Tote. Der Rest ist pures Dekor.

Vitek Marcinkiewicz, dem bis vor wenigen Jahren die legendäre Kreuzberger Künstlerkneipe „Mysliwska“ gehörte, hat sich auf dieses Spiel eingelassen. In der Galerie Laura Mars Grp. , die sich gerade von einer Kreuzberger Off-Adresse zum Top Spot für eigensinnige künstlerische Positionen entwickelt, sind die atemlosen Bilderfolgen in zwei Blöcken arrangiert. Bleistift, Kugelschreiber, Papier und ein Interesse an der Dekonstruktion des Mediums Film gehören zu den wiederkehrenden Themen in den Arbeiten der hier vertretenen Künstler: neben Marcinkiewicz auch Pia Dehne, Ursula Döbereiner oder Bettina Allamoda.

Marcinkiewicz zeichnet die essentielle Handlung, das Duell zwischen Cops und Gangstern, noch einmal nach und verdichtet das Geschehen auf knapp 500 kleinformatigen Blättern zu einem ungewöhnlichen Storyboard. Im Gegensatz zu den echten Vorlagen, mit deren Hilfe man vor Dreharbeiten komplexe Sequenzen und Kamerafahrten zeichnerisch festlegen kann, hält sich der Berliner Künstler dabei an die fertigen Filmszenen. Aus einzelnen Stills werden so detaillierte Momentaufnahmen, die den Strom der Bilder unterbrechen und auf seine inszenierten Details hin überprüfen.

Wo „French Connection“ raue Oberfläche zeigt, liefert Marcinkiewicz tiefenscharfe Impressionen. Seine Instrumente sind der Bleistift und die subjektive Sprache eines Mediums, das die Gegenstände im reinen Spiel von Licht und Schatten plastisch wachsen lässt. Die Fülle der Eindrücke mag im ersten Moment über ihre Feinheiten hinwegtäuschen: Das hier sind keine lapidaren Illustrationen, sondern eindrucksvolle Miniaturen, die Blatt für Blatt auch allein stehen könnten.

Marcinkiewicz verkauft sie en bloc für 9000 Euro oder als einzelne Blätter mit jeweils vier Motiven (300 Euro). Daneben gibt es diverse Seiten, die erst Teil der „French Connection“-Serie waren und später einer stringenteren Erzählstruktur zuliebe ausgegliedert wurden. Wie kleine Protokolle halten all diese Bilder Stimmungen, Atmosphären und Bewegungsabläufe fest, fügen der filmischen Struktur allerdings noch eine individuelle Perspektive hinzu. Dank dieser Aneignung und Transformation, die der Künstler mit seinem Wechsel vom schnellen Medium in den organischen Prozess des Zeichnens betreibt, entfalten die Blätter eine eigene und weit vielschichtigere Erzählweise, als es das Kino trotz aller special effects vermag.

Laura Mars Grp., Sorauer Straße 3, bis 22. April; Dienstag bis Freitag 12–19 Uhr.

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