Kultur : Jahrestagung des deutschen PEN: Nur das Ampelmännchen

Helmut Böttiger

Die "Nacht der Lyrik" im Haus der evangelischen Stadtmission in Erfurt versuchte noch einmal alles, um der Literatur einen würdigen Rahmen zu geben. Über dem jeweils Lesenden thronten ein Klavierspieler und der mit einer souveränen Moderatorenstimme ausgestattete Gert Heidenreich, der das gute Dutzend Lyriker mit solch sonor geschultem Ton vorstellte, dass eigentlich gar nichts mehr schief gehen konnte.

Beim deutschen PEN-Club ist im Lauf der neunziger Jahre einiges schief gegangen - die Vereinigung des westdeutschen mit dem DDR-PEN hinterließ etliche Wunden, von denen manche bis auf den heutigen Tag nicht heilen mögen. Mit der Wahl des exil-iranischen Lyrikers Said zum deutschen PEN-Präsidenten im Mai 2000 hat man jedoch einiges richtig gemacht: Er steht auch symbolisch für die Besinnung auf die Ziele jedes nationalen PEN-Zentrums, das Eintreten für verfolgte Schriftsteller in aller Welt - entsprechend der internationalen PEN-Charta, die neben den allgemeinen Menschenrechten besonders die Freiheit des Wortes hervorhebt.

Die Arbeit des Writers-in-Prison-Komitees gehörte denn auch zu den großen Aktivposten bei der diesjährigen Mitgliederversammlung in Erfurt, ergänzt durch die Writers-in-Exile-Aktion, die konsequent daraus hervorgegangen ist. Der PEN verfügt über sechs vom (Bundes-)Staatsminister für Kultur finanzierte, befristete Stipendien für ausländische Autoren, die in ihren Heimatländern verfolgt und unterdrückt wurden und nach Deutschland geholt werden konnten. Die konkreteren Umstände allerdings sind die Mühen der Ebene. Die um Hilfe gebetenen Städte wollen mitunter keinen Autor mit Kindern oder aber nur einen berühmten Schriftsteller aufnehmen.

Der PEN ist keine Schriftstellervereinigung, bei der ästhetische Kriterien im Mittelpunkt stehen. Umso prekärer sind die Lesungen, die zum festen Bestandteil eines PEN-Kongresses gehören und die üblichen Mechanismen des Literaturbetriebs widerspiegeln. Manch ein Autor kann mit seinem Argument, er sei mittlerweile dreißig Jahre PEN-Mitglied und habe noch nie dort lesen dürfen, wohl doch nicht so leicht übergangen werden. Und über die damit verbundenen Peinlichkeiten kann nicht einmal die Würde eines Moderators wie Gert Heidenreich hinweghelfen.

Eine Crux des PEN-Clubs ist: seine Forderungen werden desto wirkungsvoller vertreten, je renommierter die Schriftsteller sind, die für ihn sprechen. Die konkrete Arbeit des PEN erfordert aber so viel Zeit und Energie, dass ein freischaffender Autor dazu kaum in der Lage sein kann. Deswegen rückt der Typus des Funktionärs, der nicht primär durch literarische Leistungen aufgefallen ist, stark in den Vordergrund: Man braucht ihn. Die Kunst besteht darin, die notwendige ehrenamtliche Arbeit und den literarischen Anspruch in Balance zu halten.

Wie schwierig das mitunter ist, wurde in Erfurt an der Frage deutlich, die am heftigsten diskutiert wurde: dem Verfahren der Zuwahl neuer Mitglieder. 22 Vorschläge dazu gab es, doch nur vier davon erhielten die erforderliche Zweidrittelmehrheit. Abgelehnt wurden so wichtige Autoren wie Thomas Brussig, Michael Kleeberg oder Thomas Lehr - schlicht aufgrund der Tatsache, dass die Mehrheit der PEN-Mitglieder diese Namen nicht kannte oder anderweitige, nicht näher diskutierte Ressentiments zu Grunde lagen. Mit der höchsten Stimmenzahl gewählt wurde hingegen der Dresdner Autor Michael G. Fritz, der bisher nur ganz besonderen Spürhunden aufgefallen ist.

Diese blamable Situation ist ein Resultat der im Untergrund immer noch heftig vibrierenden Ost-West-Dissonanzen. Man hat den scheinbar "demokratischeren" Zuwahl-Modus des DDR-PEN übernommen. Der Modus des West-PEN hingegen hatte so ausgesehen, dass eine vom Präsidium eingesetzte Kommission über die Zuwahlvorschläge entschied und dies nur durch begründeten Widerspruch eines PEN-Mitglieds verhindert werden konnte...

Ach, in die Reihe der positiven Momente, die die DDR in die deutsche Einheit eingebracht hat - der grüne Pfeil, das Ampelmännchen, der Beelitzer Spargel -, kann der Zuwahlmodus im PEN-Club wohl doch nicht aufgenommen werden. Wünschenswert wäre dagegen, den Vorschlag eines Mitglieds zu beherzigen: nur Nicht-Mitglieder zu den Lesungen während des PEN-Kongresses einzuladen. Unter anderem solche, die eventuell neue Mitglieder werden könnten.

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