Janácek an der Deutschen Oper : Eine Liebe für 300 Jahre

Was nur ist das Wesen der Zeit? David Hermann inszeniert Leoš Janáceks „Die Sache Makropulos“ an der Deutschen Oper.

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Im Getümmel. Evelyn Herlitzius als Emilia.
Im Getümmel. Evelyn Herlitzius als Emilia.Foto: Bernd Uhlig

Leoš Janácek hat sie geschrieben, die Oper unserer Zeit. Zwar werden wir noch nicht 337 Jahre alt wie Emilia Marty, die einsame Operndiva in „Die Sache Makropulos“. Doch vom antiken Rom bis heute hat unsere durchschnittliche Lebenserwartung von 18 auf fast 100 Jahre zugenommen. Das sei bislang noch keiner Spezies gelungen, jubeln Humangenetiker. Und dennoch wissen wir wenig über das Vergehen der Zeit und die Furchen, die sie in unserer Seele zieht. Wenn man die Marty ansieht, die umschwärmt wird wie eine junge Frau und doch alles hat vergehen sehen um sich herum, glaubt man ihr ohne ernsthafte Gegenwehr: „Man kann nicht über 300 Jahre hinweg lieben.“

Endlich ist Janáceks Meisterwerk der Desillusion zurück auf der Berliner Opernbühne. An der Deutschen Oper, wo „Die Sache Makropulos“ zuletzt 2004 Furore machte, inszeniert nun David Hermann, Generalmusikdirektor Donald Runnicles übernimmt die musikalische Leitung. Die damals dabei waren und noch den Klang der Erinnerung in sich tragen, wissen: Das ist ein Wagnis. Denn Anja Silja hatte, auf die 70 zueilend, in der Regie von Nikolaus Lehnhoff die Rolle ihres Lebens verkörpert. Wie sie das Publikum anschauen konnte, Schmeicheleien an ihr abglitten und ihre Kühle alles in Brand setzte: unvergesslich!

Jetzt übernimmt Evelyn Herlitzius die Rolle, die sich an der Deutschen Oper so geschätzt und geborgen fühlt, dass sie hier ihr Debüt als Emilia Marty gibt. Herlitzius ist eine bewundernswerte Kämpferin, eine Sängerdarstellerin par excellence. Das Fatale an ihrer neuen Rolle: Wird Leidenschaft sichtbar, stürzt die Konstruktion des Stücks zusammen. Emilia ist eine Projektion wie Lulu, sie zieht ewiges Begehren auf sich, und kein Lustmörder kann ihr den Tod bringen. Stattdessen sterben die dahin, die ihr zu Füßen fallen. Wie kann man das verkörpern, wenn einem das Kalte, Herrische, Zynische wesensfremd ist? Herlitzius’ große Stärke, das unbedingte Lebenwollen, lässt sie in „Die Sache Makropulos“ absurderweise klein und fern werden.

Hölzerne Pantomime und Kunstergebenheit

Daran hat auch David Hermann seinen Anteil, der das Wesen der Zeit erkunden will, dazu aber auf der Bühne kein geeignetes Instrumentarium findet. Zunächst montiert er die Zeitebenen und verflossenen Leben, die Emilia unter wechselnden Namen geführt hat, ein bisschen parallel. Das würde in seiner hölzernen Pantomime und Kostümergebenheit jeder Theaterkurs vor der Premiere wieder verwerfen. Zumal es der von Janácek komponierten Entlarvung des Unfassbaren den Stecker zieht, bevor ein Sog in die Zeit entstehen kann. Auch die längliche Pause für einen Umbau vom Ideenreißbrett hemmt diese Inszenierung auf ihrem Weg zum Herzen der Zuschauer.

Über darstellerische Ungeschicklichkeiten kann man normalerweise hinwegsehen, doch bei Janácek will das nicht gelingen. Alles ist aufs Engste verwoben, die Szene erwächst aus der Sprachmelodie, die Musik ist Theater. Donald Runnicles weiß genau, was seine Musiker brauchen, um sich wohlzufühlen und ihr Niveau zu erreichen. Das gilt auch für das treffliche Sängerensemble des Hauses. Leidenschaft ist für Runnicles nicht zwingend Ergebnis von Analyse, sie ist immer auch musikalisches Schmiermittel. Das klingt verlässlich und oft auch gut, das Vage und Ungewisse aber verzieht sich in den Hintergrund – und die Erinnerung, die uns ohnehin flieht, büßt wieder einen Resonanzraum ein.

Wieder am 25. und 28.2. sowie am 27. und 30.4.

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