Jason Reitman: „#Zeitgeist“ mit Jennifer Garner : Frauen, die auf Displays starren

Von Helikoper-Müttern und Youporn-süchtigen Footballstars: Jason Reitman zeichnet in „#Zeitgeist“ ein texanisches Sittenbild der schönen neuen netzgesteuerten Welt.

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Jennifer Garner in einer Szene aus Jason Reitmans "#Zeitgeist".
Jennifer Garner gibt in Jason Reitmans "#Zeitgeist" die übereifrige Helikopter-Mama.Foto: dpa

Es gibt Helikopter-Eltern, es gibt Kampfhubschrauber-Eltern, und es gibt Patricia Beltmeyer. Im Bemühen, die stets neu nachwachsenden Gefahren des Internets von ihrer halbwüchsigen Tochter Brandy fernzuhalten, kontrolliert sie Brandys Computer nach Belieben, löscht Mails, ändert Passwörter, überwacht die Facebook-Kontakte und sackt zwecks digitaler Totalsäuberung regelmäßig Brandys Mobiltelefon ein. Außerdem hat sie die Selbsthilfegruppe PATI („Parents against the Internet“) gegründet, bei deren Treffen sie die Eltern anderer Highschool-Kids manisch missioniert. Ja, diese Mutterfurie eines doch zarten, sensiblen Mädchens agiert wie ein reichlich außer Kontrolle geratener, Mensch gewordener Virus. Wo sind wir hier, in einer Satire, einer Farce?

Es gibt gute Ehen, es gibt schlechte, und es gibt Don und Helen Truby. Don hat genug von Online-Pornos und bahnt – online, versteht sich – ein Treffen mit einer Prostituierten an, mit Vollzug im Hotel. Helen verabredet sich via Seitensprungportal mit fremden Männern zum Sex. Don weiß nichts von Helens Abstecher und umgekehrt, und als beider Sachen auffliegen und Helen sich aussprechen will, steht Don in der Küche und fragt sie nur stereotyp, ob sie zum Omelette Tomaten will oder Champignons oder doch lieber Käse. Keine Satire also, sondern eher leicht angeschimmelter Boulevard?

Von Youporn-süchtigen Footballstars

Nein, „Men, Women & Children“ nach dem gleichnamigen Roman von Chad Kultgen, der jetzt unter dem supatoptwittertrendigen Titel „#Zeitgeist“ ins Kino kommt, meint seine Sache bitterernst. Anhand von ein paar Familien in einem Vorort von Austin, Texas, beklagt er die Absonderlichkeiten des netzgesteuerten Alltags mit verblüffender Strenge, spätere Läuterung der Beteiligten nicht ausgeschlossen. Da gibt es die magersüchtige Schülerin, die via Display sofortigen Community-Beistand braucht, um dem Biss in den verlockenden Brownie zu widerstehen. Da gibt es den Youporn-süchtigen Footballstar der Schulmannschaft, der sein erstes realfleischliches Mal vermasselt. Und dass ein von seiner Frau frisch verlassener Papa, der seinem Sohn die Videospielwelt brutalstmöglich vermiest, ausnahmsweise analog mit einer alleinerziehenden Mutti anbandelt, die ihre Tochter ebenso eisern zur Online-Celebrity hochzutrimmen sucht, kann da auch nur bedingt trösten.

"#Zeitgeist" kommt mit dem erhobenen Zeigefinger

Vor sieben Jahren feierte Jason Reitman mit dem wunderbar treffenden Familienporträt „Juno“ seinen Durchbruch, und kurz darauf folgte „Up in the Air“, seine federleichte Etüde über den sturztragisch entfremdet lebenden Erwachsenen. Cleverer Mainstream war das, der Unterhaltung und Substanz auf das Schönste zusammenbrachte. „#Zeitgeist“ fehlt leider beides. Sein Personal – gespielt von tollen Newcomern wie Kaitlyn Dever und Ansel Elgort und Profis wie Adam Sandler, Jennifer Garner, Dean Norris und Rosemarie DeWitt – steht nur für jeweils glatt anzuprangernde Defekte. Vor allem sind die Figuren – sogar die, die andere nahezu in den Selbstmord treiben – allesamt Opfer des bösen Internets. Sein einziger Joystick ist der erhobene Zeigefinger.

Jammerschade: Gerade von Reitman wäre eine so massenwirksame wie bedenkenswerte Beschäftigung mit diesem relevanten Thema zu erwarten gewesen, und ausgerechnet er hat es gröblich verschenkt. Zu allem Überfluss brachte es „#Zeitgeist“ in Sachen Großstarts soeben zum fünftschlimmsten Flop der US-Filmgeschichte. Über 600 Kopien waren im Einsatz, eingespielt wurden lächerliche 400 000 Dollar. Zu hoffen ist, dass dieser Misserfolg dem Kanadier, einem der begabtesten Filmemacher seiner Generation, nicht dauerhaft schadet. Fünf schöne Filme, das ist jetzt erst recht festzuhalten, hat Jason Reitman vor „#Zeitgeist“ gedreht, und er ist erst 38 Jahre alt.

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