Jazz Duo Binker & Moses im Porträt : Fehler gehören zum Sound

Aufstrebende Newcomer aus der lebendigen und innovativen Londoner Jazzszene: Das Duo Binker & Moses spielt heute Abend in der Kantine am Berghain. Eine Begegnung.

Ken Münster
Spielen Jazz für den Dancefloor. Blinker Golding (li.) und Moses Boyd.
Spielen Jazz für den Dancefloor. Blinker Golding (li.) und Moses Boyd.Foto: promo

Binker Golding steht im Jazz Café, es ist später Nachmittag in London. Hinter ihm kracht und poltert es – der Soundcheck für das Konzert am Abend beginnt gleich. Doch trotz des vollen Tourkalenders nimmt sich der Saxofonist ein paar Minuten Zeit für ein Gespräch, bevor es mit seinem Kompagnon, dem Schlagzeuger Moses Boyd, auf die Bühne geht.

„Vier Tage lang war ich gerade mit der Band der Londoner Sängerin Zara McFarlanein Europa unterwegs, danach drei Tage mit Moses in Italien“, resümiert der 32-Jährige. Am Montagabend nun spielen Binker & Moses, wie sich die beiden gebürtigen Londoner schlicht nennen, in der Kantine des Berghains. Zentral für ihren Sound ist der Dialog der beiden Instrumente. Boyd am Schlagzeug, der mal trocken und mal rege wuselnd das Gebiet zwischen Jazz, Rock und Grime abdeckt, und sein Partner am Tenorsaxophon. Goldings nennt Ornette Coleman und den späten John Coltrane als Vorbilder, scheut sich aber auch nicht vor eingängigen und tanzbaren Calypso-Melodien.

Alice im Wunderland als konzeptionelle Blaupause

Das ist auch ihr Markenzeichen. Ihr Sound ist bei aller Freiheit und Improvisation immer sehr groovebasiert und geht sofort in die Beine. Konzeptionelle Blaupausen für ihr neues Album „Journey To The Mountain Of Forever“ sind Alice im Wunderland und andere Fantasiewelten. Artwork und Aufmachung der Platte, die in zwei Teile gegliedert ist, zeigen Drachen und andere Fantasiekreaturen. Die Musik ist aber keinesweges leichte Kost. Für den zweiten Teil haben sie begnadete Kollegen wie Drummer Yussef Dayes, den Free-Jazz-Saxophonisten Evan Parker und den US-amerikanischen Perkussionisten und Producer Sarathy Korwar engagiert. „Die kannten sich alle nur vom Sehen und haben sich erst im Studio zusammengefunden, ohne Proben. Wir wollten ihnen diesen Freiraum geben und es hat funktioniert“, erzählt Golding.

Das Album wurde in zwei Tagen aufgenommen – live, in einem Raum, ohne Overdubs und direkt auf Tonband. Eine bewusste Entscheidung: „Dieser synthetische, digital produzierte Sound funktioniert gut mit gewissen Jazzarten, aber nicht so sehr für unser Projekt. Wir leben lieber mit ein paar Fehlern, die wir mit aufnehmen, und machen es so.“

Stilistische Offenheit ist ihnen wichtig

Golding und Boyd haben sich, wie ein Großteil der jüngeren Londoner Jazzszene, bei den „Tomorrow’s Warriors“ kennengelernt. Seit 1991 leitet der Kontrabassist Gary Crosby die Gruppe, die mit Workshops, Unterricht, Jam Sessions und Konzerten ein Auffangbecken für die junge, kreative Jazzszene Londons ist. „Die Warriors sind extrem wichtig für die Stadt, weil sie junge Jazzmusiker zusammenbringen und ihnen zeigen, dass es nicht nur reicht, einfach ein guter Musiker zu sein. Selber künstlerische Entscheidungen zu treffen und nicht nur anderen zu folgen – das sind Dinge, die ich aus dieser Zeit mitgenommen habe und die ich jetzt selber meinen Schülern in der Gruppe weitergebe“, sagt Binker Golding.

Shabaka Hutchings, der letzte Woche mit seinem Ensemble Shabaka & The Ancestors das Jazzfest Berlin fulminant eröffnet hat, Soweto Kinch oder Nubiya Garcia sind einige der Musiker, die wie Binker Golding und Moses Boyd bei den „Tomorrow’s Warriors“ zu Hause waren und seit einiger Zeit London zur ultimativen Kreativstadt der europäischen Jazzszene machen. Ein Markenzeichen der jungen Londoner Szene: Spielend leicht werden hier Genregrenzen zwischen Jazz und Hip-Hop, Soul, House oder anderen Stilen überschritten – ein Erbe der hiesigen Clubkultur, die seit den achtziger Jahren vielfach Jazz als moderne Clubmusik etabliert und verändert hat. Damals spielten einflussreiche DJs wie Gilles Peterson auf Piratenradiostationen und in Clubs viel und gern Jazz, zu dem Feierwütige wild tanzten. Auch wenn die hohe Zeit des Acid Jazz nicht ewig andauerte, zeigen seit einigen Jahren neue Musiker und Produzenten aus der britischen Hauptstadt, dass sich Jazz und elektronische Clubmusik nicht widersprechen. Künstler wie Henry Wu oder Tenderlonious zum Beispiel, die beide mit House-Produktionen und eigenen Jazz-Projekten gleichermaßen erfolgreich sind.

Stilistische Offenheit spielt auch für Binker Golding eine große Rolle. Gefragt nach Alben, die ihn geprägt haben, ist es unangefochten auf Platz eins „Use Your Illusion II“ von Guns ’n’ Roses. „Ich hatte eine sehr gute musikalische Ausbildung, aber ein Großteil meines Verständnisses für Musik und dafür, wie ein Album aufgebaut ist, kommt von diesem einen Album“. Daneben haben Jazz-Platten wie „E.S.P“ von Miles Davis oder „Tales From The Hudson“ von Saxophonistenkollege Michael Brecker Golding stark beeinflusst. Er und Moses Boyd, sie sind zwei aufstrebende, innovative Newcomer, und so lebendig wie in diesen Tagen war die Londoner Jazzszene lange nicht.

Mo, 13.11., 20 Uhr, Kantine am Berghain, Wriezener Bahnhof

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