Kultur : Jazz-Festival Moers: Breitwand-Orchester auf der Grenze zwischen Pop und Folklore

Wolf Kampmann

Für vier Tage verwandelte sich der Schlosspark von Moers in eine gigantische Zeltstadt. Über das Areal zogen sich Trommelschwaden und der scharfe Geruch von Spiritus-Kochern, Punks fraternisierten mit Rasta-Zöpfen, und selbst die Enten im Schlossteich schienen ein Teil der selbstvergessenen Gemeinde geworden zu sein. In Moers herrscht jedes Jahr zu Pfingsten Ausnahmezustand. Vertraut man der Bilanz des 29. Moers-Festivals, verdankt sich dessen Kraft allein der Masse. Moers-Organisator Burkhard Hennen, von seiner Stadt gerade erst mit dem Ehrenring ausgezeichnet, liebt nicht nur die Provokation, es gelüstet ihn auch nach dem Superlativ. Den größten Zulauf aller deutschen Jazz-Festivals verbucht er schon lange. Jetzt dürfte er endlich auch die größte Anzahl von Musikern auf seine Bühne geholt haben.

Das Moers-Spektakel kommt seit jeher ohne Programmschienen und erkennbare Schwerpunkte aus. Bewusst oder unbewusst zeichnete sich in diesem Jahr eine Tendenz zur Großformation ab - der Begriff Big Band wäre in diesem Zusammenhang unzutreffend, da mit einer Ausnahme Orchester-Kontexte angeboten wurden, die für den Jazz eher untypisch sind. Der Festival-Auftakt mit dem international hochkarätig besetzten Peter Herborn Large blieb trotz Solisten wie Gary Thomas, Robin Eubanks und Antonio Hart teutonisch brav und bieder. Laut Programmheft wollte Herborn an die Konzepte von Mike Westbrook oder dem Vienna Art Orchestra anschließen, doch die Fusion von musikalischem Intellekt und allzu offensichtlichen Jazzklischees kam nicht über Beliebigkeit hinaus. Ganz anders das aus der Punk Band The Ex hervorgegangene Ex Orchest. Im Stile einer Agitprop Band rollten die Niederländer tonnenschweres Bläsergestein ins Publikum und rissen jeden mit, der sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachte. Neben den ebenfalls aus England angereisten Jazz Jamaica Allstars und dem französische Grotorkéstre, das mit unbändigem Sinn für Chaos und Inferno Elemente der französischen Folklore auf vertraute, sich überschlagende Jazz-Sounds prallen ließ, plünderte auch das sechzig Mann starke japanische Happening-Projekt Shibusashirazu schamlos die eigene Tradition und frönte mit Inbrunst der berüchtigten japanischen Tugend des Kopismus. Gigantische Drachen aus Silberfolie schwebten über das Publikum, Butoh-Tänzer tummelten sich mit Go-Go-Girls auf der Bühne, Feuerschlucker verbreiteten einen Hauch von Exotik und Stripperinnen den von Schlüpfrigkeit. Ein Animator führte japanische Kampfsport-Kunststückchen auf, um schließlich in der Pose eines antiken Helden zu erstarren. Mit ohrenbetäubender Lautstärke wurde Free Jazz in das simple Kostüm von Schlagern gekleidet und umgekehrt.

Wie eh und je wurden in Moers auch Stars geboren. Das Einmann-Orchester des Finnen Kimmo Pohjonen, der sich mit seinem Akkordeon selbst live samplete und die Geräusche des Publikums in seine spontanen Arrangements einbezog, eröffnete völlig neue Klangwelten. Es war ein Festival, das wenig große Namen präsentierte, dafür aber Entdeckungen ermöglichte - Ergebnis einer selbstbewussten Spurensuche. Und nicht zuletzt die Klang gewordene Vision des Mannes, der Moers zu einem Jahrmarkt der Zungen gemacht hat, Burkhard Hennen.

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