Jazz-Fotos : Die wiedergefundene Zeit

Das gibt’s tatsächlich: Beim Aufräumen tauchten nie gezeigte Fotos von Robert Lebeck wieder auf, dem die Filme dazu verloren gingen. Nun sind die Vintage-Prints und Unikate in der Galerie Albrecht zu sehen.

Peter von Becker
Lebeck
Die gibt's nur ein Mal. Robert Lebeck (80) vor den spät entdeckten Unikaten seiner Jazz-Fotos. -Foto: David von Becker

Unbekannte Bilder von Robert Lebeck? Eine kleine Berliner Galerie präsentiert 70 nie gesehene Unikate des wohl erfolgreichsten deutschen Nachkriegsfotografen – man will es kaum glauben.

Als die große Lebeck-Retrospektive im Gropius-Bau, eine Hommage zum 80. Geburtstag des in Berlin-Schöneberg lebenden Fotoreporters, Ende März ihre Pforten schloss, waren über 60 000 Besucher gekommen. Seine Schwarz-Weiß-Bilder für den „Stern“ und andere Magazine wurden millionenfach gedruckt, und Lebecks Aufnahmen machten oft selbst Geschichte: als er beispielsweise als einziger den gerade in den Iran zurückgekehrten Revolutionsführer Khomeini unter einer Million fanatischer Anhängern dabei fotografierte, wie ihm der Turban von der sonst immer verborgenen Glatze rutschte. Oder Jackie Kennedy beim Begräbnis ihres Schwagers Robert. Und natürlich die legendäre Nachtsession mit Romy Schneider im Hotelzimmer ...

Es hat freilich mit Robert Lebecks unaufhörlichem Erfolg zu tun, dass die seit Frühjahr von München nach Berlin-Mitte gezogene Galeristin Susanne Albrecht nun diese Entdeckungen zeigen kann. Lebeck (Branchenname „Easy Bob“) sagt dazu mit seinem altjungenhaft ironischen Lächeln: „Ich hatte immer so viele Aufträge und wollte und musste dauernd in der Welt rumreisen, dass ich oft nicht zum Archivieren kam. Außerdem verstehe ich mich bis heute nicht als Künstler, sondern als Journalist. Ich habe bei einem Fotoabzug nie an Galerien und Museen gedacht.“

Seit dem Boom der Fotografie als bildender Kunst hat Lebeck, dem inzwischen sein 16-jähriger Sohn „die Finessen von Computer und Digitalkamera erklärt“, auch ein bisschen umdenken dürfen: „Jetzt stehe ich hier vor meinen signierten Vintage-Prints, von denen es keine anderen Originalabzüge gibt, weil die Filme verschwunden sind.“ Da sind beispielsweise die 15 Bilder von Jazzgrößen wie Ella Fitzgerald, Benny Goodman, Duke Ellington oder Miles Davis, 1956 aufgenommen in einem Club in Frankfurt am Main, wo Lebeck als begabter Anfänger gerade neuer Büroleiter der Zeitschrift „Revue“ und sehr guter Dinge war, weil ihm sein Chefredakteursfreund Peter Boenisch das Monatsgehalt von 1000 auf damals schier unglaubliche 4000 D-Mark erhöht hatte.

Die Jazzbilder aus den 50ern haben bis heute ihre nächtliche Aura bewahrt

Die atmosphärisch dichten Jazzbilder haben bis heute ihre nächtliche Aura durch das leicht grobe Korn, trotzdem wirken sie, alle mit einer Rolleiflex ohne Blitz fotografiert, enorm plastisch.

„Ich habe damals in einer Salatschüssel den Entwickler eigentlich zu stark erhitzt. Aber ich konnte die Filme an beiden Enden noch anfassen und darin schwenken, weil ich immer das erste und letzte Bild auf der Rolle nicht belichtet habe.“ Die Hitze der Entwicklerlösung steigerte die Empfindlichkeit des Films, das war neben der starken Vergrößerung Lebecks Trick. Doch warum sind es jetzt Unikate?

Robert Lebeck erzählt, dass er die Bilder wohl mit den Filmen an seinen Freund Joachim E. Berendt gegeben hatte. Berendt war ab den 1950er Jahren als Journalist, Produzent und damaliger Südwestfunk-Redakteur so etwas wie der deutsche „Jazz-Papst“. Manchmal benutzte er Lebecks Fotos für seine Bücher, für Festivals oder von ihm promovierte Plattencover. Später lebten Lebeck und Berendt, der 2000 starb, in Hamburg, und beim Aufräumen tauchten die nun gezeigten Fotos wieder auf, ohne Filme.

Man sieht in der Galerie Albrecht natürlich auch ein paar von Lebecks berühmten, doch so noch nie gezeigten Motiven: Alfred Hitchcock in wunderbar dicklippigem Profil 1960, als er in Deutschland für den Filmstart von „Psycho“ warb. Lebeck nahm ihn und Mrs. Hitchcock allein auf eine Rundfahrt im Hamburger Hafen mit. Oder Wernher von Braun zusammengesunken im Flugzeug und den neuen Weltrekordler Armin Hary 1960 im Berliner Olympiastadion. Aber nichts von Romy oder Lollo oder von den berühmten Jayne-Mansfield-Bildern. „Das ist kommerziell wahrscheinlich verrückt, aber ich wollte wirklich einen unbekannten Robert Lebeck zeigen“, sagt die Galeristin Susanne Albrecht, die seine Vintage-Prints in der Spanne von 2400 bis 6400 Euro anbietet.

Es gibt viele schöne Entdeckungen: Stolze bulgarische Bäuerinnen, die 1964 mit ihren vorm Erntestaub geschützten Gesichtern für heutige Augen wie muslimische Terrorkämpferinnen erscheinen. Belgrad 1955, als sei es eine Wüstenstadt. Oder eine Serie mit fotografierenden Menschen, russische Touristen und Soldaten in Berlin und Budapest, indonesische Soldaten, die mit ihren Gewehren und MPs symbolisch zurück“schießen“ auf den Schnappschuss-Fotografen – und dann eine Schar schwarzer Kinder 1960 in Togo, die alle nur mit ihren bloßen Händen eine Kamera pantomimisch andeuten: ein dutzendfacher menschlicher Spiegel des Reporters, der sie soeben fotografiert.

Wunderlich auch eine Serie von acht Kinderbildern aus Frankfurt/Main 1957: Frühreife, oft etwas melancholische Nachkriegsgesichter vor hölzernen, abgeblätterten Kinokassen oder vor spukhaften Filmplakaten, die von „Mord“, Sünde und dem „Satan im Blut“ künden, während die Kinder ihr eigenes Kino beim Blättern in frühen Comicheften suchen oder ihre staksigen dünnen Beine durch Regen- oder Bierpfützen gehen, die, so blutdunkel und schattenhaft, den Spuren eines Tatorts gleichen. Zeichen einer fast schon verlorenen Zeit.

Robert Lebeck „Vintage-Fotos und Unikate“, Galerie Albrecht, Charlottenstraße 78, Di –Sa 11 –18 Uhr, bis 21. November.

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