Jazz-Papst Michael Naura gestorben : Letzte Instanz

Zum Tod des Jazzpianisten und streitbaren Publizisten Michael Naura.

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Michael Naura.
Michael Naura.Foto: dpa

Welche Musik man bei seiner Beerdigung spielen solle, wurde er zu Anfang des Jahrtausends einmal gefragt. Michael Naura fragte rotzig zurück, warum er bescheiden zur Hölle fahren solle. Man möge einen seiner eigenen Choräle aufführen – und Peter Rühmkorf, Gefährte aus „Jazz + Lyrik“-Tagen, Gedenkworte für ihn finden. Nun, da der Pianist, Kritiker und NDR-Moderator den Dichterfreund um fast ein Jahrzehnt überlebt hat, wird sich wohl ein anderer finden müssen, um Nauras anarchischen Sachverstand und mit Machtbewusstsein gepaarten Kampfesgeist für das Wahre, Schöne und Gute im Jazz zu rühmen.

Michael Naura, 1934 im heute litauischen Klaipeda, dem damaligen Memel geboren, war eine deutsche Jazzinstanz, wie sie heute kaum mehr möglich ist. An der Berliner FU hatte er sich für Philosophie und Soziologie eingeschrieben und an der heute in der UdK aufgegangenen Meisterschule für Grafik und Buchkunst studiert. Seine musikalischen Kenntnisse erwarb er indes ganz und gar auf eigene Faust. Zusammen mit seinem langjährigen Kompagnon, dem Vibraphonisten Wolfgang Schlüter, gehörte er zur ersten Generation des deutschen Nachkriegsjazz und arbeitete sich bis in die angerockten und elektrifizierten Gefilde der frühen Siebziger vor. 1971 übernahm er zugleich die Jazzredaktion des NDR und wurde als Berater zahlreicher Gremien eine wichtige Figur – oft in Opposition zum handwerklich sehr viel weniger beschlagenen, aber in vielem einflussreicheren Joachim-Ernst Berendt.

Naura, der auch manchmal für den „Tagesspiegel“ schrieb, pflegte eine deftige Sprache, mit der er die Sinnlichkeit seines Gegenstands einzufangen versuchte. Sein analytisches Talent versteckte sich im Fabulieren. Er erzählte von Götterscheiße und Trüffelkötern und nahm auch sonst kein Blatt vor den Mund: Der Trompeter Wynton Marsalis galt ihm als Wicht und Vertreter einer Jazz-CDU, der im Freien wildernde Tastenmaniac Cecil Taylor als Titan. Michael Naura, der jetzt 82-jährig in Nordfriesland gestorben ist, war groß im Hassen, noch größer aber im Lieben – und von einer beneidenswerten Offenheit, die es sich verbat, für Beliebigkeit gehalten zu werden. Gregor Dotzauer

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