Jazz & Blues-Festival : Legenden singen Liebesklagen

Mit Solomon Burke und Herbie Hancock sind in Wolfsburg zwei musikalische Schwergewichte aufgetreten. Der eine inbrünstig und extrovertiert, der andere virtuos und in sich gekehrt. Unterschiedlicher hätte ihr Gig nicht sein können.

Moritz Gathmann
Hancock
Herbie Hancock gehörte zu den Hauptattraktionen des "Jazz & Blues-Festivals". -Foto: Festival

„Big Sol“ sitzt im blau glitzernden Kostüm auf einem Goldthron, ein Fleischberg von mindestens 150 Kilogramm. In den Thron müssen ihn zu Anfang seine Assistenten aus einem Rollstuhl hieven, allein kann er nicht mehr gehen. „I love you!”, sagt er trotzdem. Solomon Burke hat noch so viel Liebe zu geben, und sein Körper soll ihn nicht daran hindern. Liebe geben heißt bei ihm vor allem: Singen. Und das tut er an diesem Abend in Wolfsburg, als eine Hauptattraktion des „Jazz & Blues-Festivals“.

Solomon Burke ist der ungekrönte „King of Rock & Soul“. 1940 in Philadelphia geboren, wurde er von der Großmutter schon mit sechs Jahren ans Priesterpult der „House Of God For All People“-Kirche seiner Heimatgemeinde gestellt. Statt zu predigen hat er gesungen. Aus dem Gospel wurde Soul, Anfang der sechziger Jahre ergatterte Burke einen Vertrag beim Atlantic-Label, bald darauf feierte er mit Songs wie „Everybody Needs Somebody To Love“ oder „Cry To Me“ Erfolge. Atlantic-Chef Jerry Wexler jubelte damals, man habe den größten Soulsänger aller Zeiten entdeckt.

Ab den achtziger Jahren verschwand Burke dennoch mehr und mehr in der Versenkung und damit in finanziellen Problemen. Er versuchte alles mögliche, übernahm ein Restaurant, gründete ein Bestattungsunternehmen, viel Zeit verbringt er bis heute mit seinem Amt als Bischof der „House Of God“-Kirche. Sein Comeback schaffte der Sänger erst 2002 mit der CD „Don’t Give Up On Me“, die mit einem Grammy ausgezeichnet wurde. Darauf singt Burke Songs, die ihm Fans wie Eric Clapton, Tom Waits und Elvis Costello auf die Seele geschrieben haben.

„Every word I say tonight is true“, singt er, jedes Wort ist wahr, was er heute Abend sagt. Burke bewegt seinen Bariton durch die Höhen und Tiefen von Liebe und Leben. Von der Bühne auf dem Open-Air-Gelände schaut er gen Himmel und immer wieder seinen Zuhörern in die Augen, hier wie dort sucht er nach Bestätigung. „Es gibt heute Menschen hier, die wissen, wie es sich anfühlt, verlassen zu werden,“ ruft er bei „I Can’t Stop Loving You“, dem Country-Klassiker, den nur Ray Charles mit ähnlicher Soul-Inbrunst aufgeladen hat. Und immer wieder flüstert er seinen Musikern „easy, easy“ zu, wenn die aus dem Zaum zu gehen drohen bei „Mustang Sally“, „Sitting On The Dock Of The Bay“ oder „In The Midnight Hour“, Songs, die er als Reverenz an seine toten Freunde Wilson Pickett und Otis Redding spielt.

Viel Raum lässt Solomon Burke seinen Musikern nicht. Zwei Geigerinnen in golden glitzernden Kostümen streichen um ihn herum, auf der anderen Seite stehen zwei Background-Sängerinnen, eine davon seine Tochter Terri, Nummer 14. Auch sieben Söhne hat er. Und 89 Enkelkinder – „so much love to give“ eben.

Irgendwann greifen seine Musiker die gut hundert Rosen, die links und rechts neben dem Thron in Kübeln stehen und verteilen sie an die Frauen im Publikum. Ein Geschenk Gottes seien die Frauen, hat Burke einmal gesagt. Jetzt kommen die Schäfchen des Predigers nach vorn. Aber nach einer knappen Stunde ist schon Schluss, zu früh, aber so ist das auf Festivals. Mit dem New-Orleans-Knaller „When The Saints Go Marchin’ In“ verabschiedet sich Burke, die Glitzerdamen bilden eine Reihe, schirmen ihn ab, während er in seinen Rollstuhl zurückgehievt wird. So marschieren sie ab, dann greift Burke sich noch einmal das Mikro und versichert: „I’m gonna give you my love til the end of my days.“

Auf Burke folgt die Dämmerung und mit ihr Herbie Hancock. Der Gegensatz zu Burke könnte krasser kaum sein. Populärer Soul vs. elitärem Frickel-Jazz. Der eine extrovertiert, süchtig nach der Liebe der Verehrer, der andere vertieft in die eigenen Harmoniestudien. Hancock, weltbekannt geworden in den sechziger Jahren mit eingängigen Nummern wie „Cantaloupe Island“ und „Watermelon Man“, hat lange mit Miles Davis gespielt, der seinen Zuhörern gerne den Rücken zuwandte, wenn er sich mit seiner Musik beschäftigte. Hancock und seine Musiker wirken entrückt, spielen virtuos auf ihren Instrumenten. Aber gibt es das Publikum noch? Das wird immer kleiner, je mehr Hancock sich vom festen Boden der Takte und Harmonien entfernt.

Das Festival endet heute mit Auftritten von Holly Cole und Roger Cicero.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben