Jazzfest : Jünger als jetzt

Improvisierte Musik und Bob Dylan? Für das Arne Jansen Trio kein Widerspruch. Drei Musiker, die gemeinsam eine Idee in bildreiche Musik übersetzen. Zu hören beim Jazzfest in Berlin.

Roman Rhode

Wie beginnt man, einen Song zu schreiben? „Ich schaffe mir Ruhe, schalte das Telefon ab, dann setzt der Prozess des Freischaufelns, der Inspiration ein.“ Für sein zweites Album „Younger Than That Now“, das soeben beim Berliner Label Traumton Records erschienen ist, hat Arne Jansen sich ein ganzes Jahr Zeit genommen. Das Stück „On the Shore“ habe er in nur einer halben Stunde geschrieben, für die Vollendung von „The End of the World“ seien dagegen drei Wochen nötig gewesen.

Herausgekommen ist ein dichtes, vielschichtiges Spiel aus melodischer Atmosphäre und nachhaltigem Rhythmus, bei dem sich Jansen an der Gibson-Gitarre angenehm zurückhält. Vielleicht ist es diese musikalische Stimmung mit ihrem entspannten Tiefgang, die an skandinavischen Jazz erinnert. Jedenfalls hat Nils Landgren, der Leiter des Jazzfests, das Arne Jansen Trio eingeladen, gleich zwei Konzerte im A-Trane zu geben.

Kontrabassistin Eva Kruse und Schlagzeuger Eric Schaefer sind dabei nicht nur Jansens Freunde und Mitstreiter – sie haben sich bereits an der Seite des Pianisten Michael Wollny mit der Formation einen internationalen Namen gemacht: als quirlige Soundtüftler eines jungen, urbanen Jazz, die mit viel Spaß, hochgradig interaktiv und noch dazu sehr präzise zur Sache gehen.

Auf dem Weg zum eigenen Sound

Für sein Trio schreibt Jansen die Musik jedoch allein. Und versucht dabei, bis zur Essenz vorzudringen: „Von manchen Stücken habe ich bis zu 20 Versionen geschrieben, manchmal jeweils auf zehn Seiten; die konzentriere ich schließlich auf vier Seiten. Und dann feilen wir zu dritt daran, bis jeder von uns seinen Part gefunden hat.“ Jansen, der für die Produktion seines neuen Albums eine Förderung des Berliner Senats gewann, hat Effekte wie Hall, Delay oder Overdubbing sparsam eingestreut und sorgfältig abgemischt: „Dafür haben wir eine Woche gebraucht. Bei einer Jazzplatte dauert das normalerweise einen Tag.“

Aber „Younger Than That Now“ ist, anders als das Vorgängeralbum von 2005, keine reine Jazzplatte. Jansens neues Werk nämlich rockt, manchmal mit rauer, frotzelnder Gitarre und krachenden Drums – und jedes Stück hat Songcharakter. „Wir finden langsam zu einem eigenen Sound, der aus unserem Zusammenspiel entsteht. Genau wie bei einer Rockband, die auf den Klick wartet, bis er plötzlich da ist.“

Dieser Kick des Klicks zieht sich hörbar durch den mal dramatisch-verhaltenen, mal ausgeklügelt-ausbrechenden Groove des Albums. Und stets schimmert eine leise Poesie des Augenblicks hindurch. Schön hört sich das an, spannend, oft überraschend. Jansen, der vor zwölf Jahren aus Norddeutschland nach Berlin kam und an der alten Hochschule der Künste Jazzgitarre studierte, formuliert es nüchterner: „Wir spielen instrumentale Musik zwischen Jazz und Rock. Mir ist wichtig, dass meine Musik durch den Tag trägt, dass sie die Stimmung drehen kann, dass man sie gerne hört.“ Nettes Understatement.

Projekt mit Katja Riemann

Aufgewachsen ist Arne Jansen mit den Rolling Stones, Police und Dire Straits, vor ein paar Jahren hat er Bob Dylan entdeckt. Doch die großen musikalischen Vorbilder kommen natürlich aus dem Jazz, darunter Miles Davis, „einer meiner größten Helden“; Bill Frisell „mit seinem großen Herzen und seiner Wärme“; John Scofield „mit seinem Blues, viel Intensität und immer auf der Suche“; nicht zuletzt Pat Metheny, bei dem Jansen Unterricht nahm, „einer der ganz großen Komponisten und Melodienspieler“. Von ihnen lässt sich Jansen inspirieren, von ihnen hat er gelernt, sich auf die Suche zu begeben. „Jazz ist ja ein Genre, das selbst ständig im Wandel begriffen ist. Als improvisierte Musik verheißt Jazz die Möglichkeit, im Moment des Zusammenspiels nach einer Komposition zu suchen.“

Nicht stehen bleiben also. Dieses Prinzip der ungeordneten Entwicklung verkörpert für Jansen besonders Bob Dylan. Auf ihn geht auch der Albumtitel zurück, ein Zitat aus Dylans Song „My Back Pages“: „Oh, I was so much older then, I’m younger than that now.“ Ein Nachwuchs-Jazzer ist Jansen, der Mittdreißiger, nicht mehr. Er hat gelernt, auf gitarristische Frickeleien oder Exzesse zu verzichten, trifft mit anderen, auch stilfremden Musikern zusammen, experimentiert weiter. So ist Jansen auch anderweitig beschäftigt. Etwa mit dem Quartett Firomanum, das ebenfalls beim Jazzfest zu hören ist. Oder in diesem Winter mit einem neuen Projekt an der Seite von Katja Riemann – eine Vertonung von Texten der Pop-Literatin Sibylle Berg, die der Gitarrist mit musikalischen Interpretationen von Rammstein-Stücken begleitet.

Ideen in bildreiche Musik übersetzen

Arne Jansen spielt versiert mit den Möglichkeiten, versteht es, in der Zeit vor und zurück zu springen. „Have my eyes peeled both wide open / and got a glimpse / of our innocence“, hat er in sein Booklet notiert. Er lässt sich von welken Blättern im Herbstwind genauso inspirieren wie von Haruki Murakamis Romanen. Diesem japanischen Jazzliebhaber, der ein bisschen im Stil des magischen Realismus schreibt, hat Jansen das neunminütige Stück „The End Of The World“ zugedacht. Auch in anderen Songtiteln und seinen poetisch-assoziativen Notizen, die Jansen ins Booklet geschrieben hat, offenbart sich der Bezug zu Murakami – als Hommage an den fremden Autor, mit dessen schöpferischem Prozess und Dramaturgie sich der Gitarrist aufs Engste verbunden fühlt. Oft, sagt Jansen, gehe es ihm beim Schreiben wie Murakami: Am Anfang leuchtet eine Idee, strahlt ein Gedanke. Den verfolgt Jansen dann und übersetzt ihn in bilderreiche Musik: der Beginn eines wunderbaren Songs.

Das Arne Jansen Trio spielt am 5. und 6. 11. um 22 Uhr im A-Trane, Bleibtreustr. 1

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