Jazzkorea Festival : Body and Seoul

Auf dem Weg zur Musiknation: Das Jazzkorea Festival 2015 ist eröffnet - in Berlin und anderswo.

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Koreanisches Schlagzeugwunder, in Deutschland ausgebildet. Seo Mihyun.
Koreanisches Schlagzeugwunder, in Deutschland ausgebildet. Seo Mihyun.Foto: promo

Einem Wort des Trompeters Clark Terry zufolge besteht das ganze Geheimnis, die Sprache des Jazz zu beherrschen, in einem Dreischritt: „Imitate. Assimilate. Innovate.“ Er lässt sich auf alle Lernprozesse übertragen, die ein Körpergedächtnis einschließen, weshalb Terrys Erkenntnis, wie sie in seiner Autobiografie festgehalten ist, in zahllosen Varianten existiert. Vor allem die Phase, die nach dem Kopieren und vor dem Schöpferischen kommt, wird gerne auch als Emulation bezeichnet – als Nachbildung eines Systems, dessen innere Funktionsweise man nicht begriffen haben muss, um es effektvoll zu betreiben. In diesem Stadium befindet sich derzeit der Jazz in Korea – zumindest nach den fünf Formationen zu urteilen, die im Rahmen des Jazzkorea Festivals 2015 derzeit durch Deutschland touren – mit Ausflügen nach Madrid, Budapest und, wenn es die Terrorwarnungen zulassen, auch nach Brüssel.

Zum Beispiel das Trio Closer, das bei der Eröffnung im Kesselhaus den ersten von fünf Kurzsets bestritt. Höher als das Energieniveau von Pianist Vian, Drummer Han Woongwon und Kontrabassist Lee Wonsool ist nur die Spiellust der drei: Besonders Lee verfügt über eine Beweglichkeit, die jede Band adeln würde. Und doch bleibt das Ganze kompositorisch wie improvisatorisch nur in höchstem Maße gekonnt. Ein Latin-Feel fließt ihnen so elegant aus den Händen wie die neuromantische Ballade, und auch die Interaktion in freieren Gefilden gelingt mühelos. Ein Thesaurus stilistischer Möglichkeiten, den die Band nicht nur zitiert, sondern sich durchaus einverleibt hat, der insgesamt aber austauschbar wirkt.

Wo ist die unverwechselbare Stimme?

Inmitten des Überangebots an gutem bis erstklassigem Jazz, der heute rund um den Globus gespielt wird, ist das Trio Closer ein wenig aussichtsreicher Kandidat für den Kulturexport. Auch wenn man den Virtuositätsgrad noch steigert wie im Trio von Südkoreas renommiertestem Pianisten Nam Kyungyoon (mit dem belgischen Saxofonisten Toine Thys als Gast), reicht das immer für ein ansteckendes Vergnügen, nicht jedoch für die Entwicklung einer unverwechselbaren Stimme. Dafür ist der koreanische Jazz, der in den 90er Jahren in der Zehnmillionenstadt Seoul zu erblühen begann, vielleicht einfach noch zu jung, und die pädagogischen Quellen, aus denen er sich speist, fangen gerade erst an zu fließen.

Mit Martin Zenker, dem künstlerischen Leiter des nun zum dritten Mal aufgelegten Festivals, hatte an der privaten Kyung-Hee-Universität vier Jahre lang ein Deutscher die Professur für Jazzbass inne, und Nams als Schlagzeugwunder apostrophierte Ehefrau Seo Mihyun hat ein Studium an der Frankfurter Musikhochschule absolviert. Zenker ist später auch im Quartett der Sängerin Hyejin zu hören. Sie kann hinreißend scatten, sich gewandt durch Cole Porters „Love For Sale“ schlängeln und überhaupt alle Sympathien auf sich ziehen – nur mit einem Originalitätsbonus wird es schwer.

Was noch nicht ist, kann aber noch werden. Zwischen dem Jazzentwicklungsland China und der Weltmacht Japan hat Korea die besten Chancen zum Aufholen – auch zum Schließen der Lücke zwischen Kunstmusik und Entertainment: Das seit 2004 bestehende Jarasum International Jazz Festival auf einer Landinsel bei Gapeyong ist mittlerweile eines der größten asiatischen Events seiner Art. Nützlich ist dabei sicher, sich dem Mainstream nicht völlig an den Hals zu werfen, sondern mit ureigenen Traditionen umzugehen. Der Höhepunkt des ersten Abends war denn auch das Duo des Pianisten Jung Jaeil und des Sängers Han Seung Seok. Während Jung mit jazzfernem Popdonner antritt, wirft sich ihm Han mit der teils an der Grenze zum Schrei operierenden Dramatik des Pansori und dessen Fächergesten entgegen. Ein aus dem 17. Jahrhundert stammendes Sing- und Erzähltheater für einen Mann oder eine Frau, das gut und gerne sechs Stunden dauern kann, hier aber auf Songformat getrimmt wird, ohne an Intensität zu verlieren.

Ab diesem Dienstag, 24.11., bis 2. 12. im Koreanischen Kulturzentrum am Leipziger Platz. Infos: jazzkorea.kulturkorea.org

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