Kultur : Jede Pause ist große Musik

Daniel Barenboim spricht in der Staatsoper

Christiane Tewinkel

Lange Zeit ist es nur ein Bramarbasieren. Daniel Barenboim spricht über Musik als Metapher für das Leben, darüber, dass Klang aus der Stille entsteht und das menschliche Ohr das „intelligenteste Organ“ sei. So oder ähnlich hatte er es bereits in London und Chicago formuliert, wo die ersten beiden der diesjährigen fünf Reith Lectures für die BBC aufgezeichnet wurden. Nun empfängt ihn die Journalistin Sue Lawley, die die 1948 inaugurierte Vortragsreihe als Moderatorin betreut, im Apollo-Saal der Berliner Staatsoper.

Und Barenboim schickt sich an, Variationen zum Thema zu spielen. Das Miteinander von Anspannung und Lösung stelle als Abbild des Atmens die „existenzielle Qualität von Musik“ dar: Der Anfang von Wagners „Tristan“ mit seinem wie aus dem Nichts kommenden ersten Ton, dann die Erwartungsoffenheit, die der Halbschluss nach dem Tristanakkord schafft. „Hier ist man im Niemandsland.“

Dass jede Pause große Musik sei, der Tristanakkord viele Deutungsmöglichkeiten kennt, ist nicht neu. Außerdem funktioniert es nur für unser abendländisch konditioniertes Gehör. Aber Barenboims Art zu sprechen, ohne zu belehren, laut nachzudenken, ohne sich zu verlieren, schlägt das Publikum in Bann. Mit der Frage danach, wie ein Ton überhaupt anhebt, leitet er Bemerkungen zum „dunklen deutschen Klang“ ein. Als Kind habe er in Israel die dem Nazi-Regime entronnenen jüdischen Orchestermusiker gehört, eine Gänsehaut bekommen, als er in den Achtzigern zum ersten Mal die Staatskapelle hörte. „Genau derselbe Klang.“ Ost-Berlin sei wie vormals die Emigranten von der Welt abgeschnitten gewesen.

Alsbald streift Barenboim Mozarts „Figaro“ und Beethovens Symphonien mit ihren für die Zeitgenossen schockierenden Tendenzen. Kommt dann zum „globalisierten Klang“. Eine späte Themenexposition schließlich – Musikerziehung, Klassik und Elite, Modulation als „vertikaler Druck auf Abläufe“, Musik, noch einmal, als Metapher für die Flüchtigkeit des Lebens –, dann öffnet sich das Plenum.

Glücklicherweise. Denn erst jetzt gewinnt der Abend an Schärfe. Die Fragen einiger Musikerzieher, die sich empört zur Berliner Lage äußern, lenkt Barenboim rasch um. „Das ist keine Frage, sondern eine Agenda.“ Spricht dann von der Disziplinschule „musikalischer Rhythmus“. Den hausgemachten Problemen der Avantgarde und ihrem Zug zur Nische: „Alles, was nicht unmittelbar zugänglich ist, hat es schwer.“ Ist Musik unschuldig? Barenboim erzählt vom ungeschriebenen Wagner-Verbot in Israel. Dass Nachfahren der Menschen, die einstmals zur Musik Wagners in die Gaskammer geführt wurden, diese nicht hören wollen, sei verständlich. Denjenigen, deren Gedankenwelt von solchen Assoziationen unbeeinträchtigt sei, dürfe man sie nicht vorenthalten. Auch zum Nahostkonflikt äußert sich Barenboim kurz und gewohnt israelkritisch. Dann schaltet sich Lawley ein – in London und Chicago hatte es bereits ausufernde Diskussionen gegeben. Die vierte und fünfte der Reith Lectures finden in den Palästinensergebieten und in Jerusalem statt.

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