Kultur : Jeder Moment ist kostbar

Der große Verweigerer: Zum Tod des Dirigenten Carlos Kleiber

Christine Lemke-Matwey

Der Maestro würde diesen Nachruf hassen. Wie dem Maestro überhaupt jede Veröffentlichung seiner Person zuwider war, seit er sich Ende der Neunzigerjahre (mehr oder weniger) unwiderruflich aus dem Musikleben zurückgezogen hatte. Einem gewiss nicht unredlichen Zeitgenossen, der sich anschickte, seine Biografie zu schreiben, trat er vor ein paar Jahren juristisch entgegen – und war stolz über seinen Sieg; Geburtstagsartikel, zuletzt zum Siebzigsten, die man ihm zukommen ließ, weil man sie für halbwegs spaßig hielt, schickte er ohne Erbarmen zurück und kritzelte in seiner steilen, immer leicht nervösen Schrift frech an den Rand: „Ich spreche kein Wort mehr mit Ihnen, wenn Sie sich jemals wieder über mich äußern!“ Etliche Wörter in diesem knappen Satz waren unterstrichen und mit Ausrufezeichen versehen.

Der Mann war ein Emphatiker und als solcher schutzlos und er meinte es ernst. Also legte man es ab, das Schweigegelübde, schlug ein in den Pakt des von seiner Seite aus aktiv betriebenen Verblassens, Verschwindens und Vergessens einer der letzten, überlebensgroßen Dirigentenpersönlichkeiten des 20.Jahrhunderts – jedenfalls so gut das ging und mit der eigenen Liebe vereinbar war. Den Wunsch, mit ihm einmal schweigend (!) durch den Grünwalder Forst zu spazieren, schmetterte er mit dem hübschen Satz ab, er habe es sich zur Maxime gemacht, überhaupt nur noch mit Menschen unter 14 und/oder über 90 direkte Kontakte zu unterhalten. Seine beiden Kinder gehörten natürlich dazu, sein kleiner Enkelsohn, ebenso Elisabeth Furtwängler, mit der er lebhaft korrespondierte, und Stefan Rumpf, der Audi-Kulturchef, dem er seit dem legendären Ingolstädter Konzert mit dem Bayerischen Staatsorchester München 1997 in tiefer Dankbarkeit verbunden blieb. Dass die Firma an seinem A8 regelmäßig die Reifen wechselte, hielt der Maestro, der in den 70er und 80er Jahren schier die ganze Welt in sich verliebt gemacht hatte, für sein „letztes Privileg“. Diesen Nachruf, wie gesagt, und dergleichen Indiskretionen mehr würde Carlos Kleiber hassen. Zu Recht. Denn es gibt Dinge, auf die hat die Öffentlichkeit kein Recht. Zuallerletzt auf Einsamkeit, Schmerz, Verzweiflung und Tod.

Ob er die „Fledermaus“ nun musikalisch so sehr beim Wort nahm, bis einem alles Lustige schal schmeckte (und alles Schale lustig), oder ob er die Montage der „Rosenkavalier“-Partitur als Gerüst für die rauschhafteste, erotischste aller Klangsinnlichkeiten nutzte: Kleiber hat sich zu keiner Musik je moderat verhalten können, er war maßlos und selbstverachtend in der Wahrhaftigkeit seines Zugriffs, konnte immer nur so und nicht anders. Seine „Unvollendete“ mit den Wienern „dunkel und düster bis hart an die Wahrnehmungsgrenze alles Lichten“ (Peter Cossé), seine Münchner „Traviata“ mit Ileana Cortubas und Domingo „fern jeder Rührseligkeit, mit einer Schlankheit des Klangs und einer rhythmischen Straffheit, die man gar nicht mehr gewöhnt ist“ (Wolf Rosenberg). Kleiber liebte das Risiko, weil er nichts anderes kannte. Das zehrt an der Substanz. Und das war es auch, was er meinte, wenn er sagte, er sei kein „Profi“ – im Gegensatz zu den Kollegen Karajan oder Maazel, die er für ihre Kühle, für ihr unangekränkeltes Funktionieren hemmungslos bewunderte. Kleiber selbst hingegen schien immer von irgendetwas angekränkelt, ein Manisch-Depressiver von blitzender Intelligenz und gewaltiger, untrüglicher Intuition.

Einem Missverständnis allerdings muss hier vorgebeugt werden: Kleiber war alles andere als ein Bauchmusiker oder Autodidakt. Er beherrschte sein Handwerk so virtuos und so elegant wie kaum ein zweiter – und das wusste er auch. 1930 als Sohn des Dirigenten Erich Kleiber in Berlin geboren, hat ihm dieser Vater sein Leben lang zwischen den Schultern gesessen. Der Übervater, der den Sohn erdrückt; der Künstlervater, der den Künstlersohn zu verhindern trachtet. Prompt treibt dieser zunächst Naturwissenschaften – und absolviert später erst eine respektable Kapellmeisterlaufbahn: Potsdam, Düsseldorf, Zürich, Stuttgart, München. Und dann Wien und Tokyo und der Rest der Welt.

Die Anekdoeten über Kleiber freilich klingen lustiger, als sie es in Wahrheit wohl waren. Wenn er in Bayreuth absagt, um dann doch noch und zwar in einer grünen Minna an seinen Arbeitsplatz befördert zu werden, dann spricht das natürlich für die Lust am Irrwitz. Und dafür, dass die Welt jeden Augenblick aufs Neue aus den Angeln zu heben wäre. Andererseits schafft sich hier auch eine ungeheuere Angst Raum: Angst vor dem Ausgesetztsein, Angst vor dem erneuten sich Offenbaren, dem Fliegenwollen und Abstürzenmüssen. Und Angst auch vor der Schönheit und vor den letzten Dingen bei Mozart, Haydn, Beethoven, Schubert, Wagner, Verdi und Strauss. Dass sein Repertoire schmal war und klassisch deutsch, nahm die Musikwelt ihm gerne übel.Wer Carlos Kleiber in seiner späten Zeit einmal nur hat dirigieren sehen, aschfahl im Gesicht, und wie sein zitternder linker Daumen unablässig Halt in der linken Hosentasche suchte, während die Rechte herzzerreißend das Orchester streichelte und liebkoste, der weiß, wovon hier die Rede ist. Als seine Jahrgangsgenossen Maazel und Harnoncourt zweite und dritte Karrieren starteten, schickte sich Carlos Kleiber an, endgültig zu verstummen. Ausschnitte aus dem „Rosenkavalier“ und eine krude, sperrige „Pastorale“ – das ist sein Vermächtnis. Am Samstag ist der Eremit und Wunderling in Konjsica/Zasavje im Grab sener Frau beigesetzt worden. In aller Stille.

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