Kultur : Jeffrey Tate und das RSB mit Mahler-Raritäten

Frederik Hanssen

Gustav Mahler war ein unerbittlicher Probierer: Um seine Ideale von Klarheit und Transparenz realisieren zu können, traktierte er die Orchester oft bis an die Grenze des Zumutbaren. So ein Zweckdespotismus liegt Jeffrey Tate fern - mit dem Effekt, dass bei seinem Festwochenkonzert mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in der Philharmonie genau das Gegenteil von dem erklang, was hätte hörbar werden sollen: Es ging um die "Verbesserungen", die Mahler in der Partitur von Schumanns "Rheinischer" Symphonie vorgenommen hat - und damit um die Frage, ob Mahler durch seine "Entschlackung" das Werk stringenter gemacht oder ob er so den romantischen Geist des Stücks verraten hat. Schade nur, dass die Interpretation darüber nur vage Auskunft gab. Wo der Tonsatz leicht hätte klingen sollen, blieb er zu bodennah, wo Scharfkantigkeit gefragt war, dominierte Lautstärke, Geschwindigkeit ersetzte Spannung. Schwammig statt rhythmisch präzise, spielten die einzelnen Stimmgruppen ziellos, ohne aufeinander zu hören - ins Leere.

Gerahmt wurde die "Rheinische" von drei Frühwerken Mahlers: Im apokryphen "Symphonischen Präludium" des 16-Jährigen, das vor allem von der Lust des Jungkomponisten zeugt, Orchestereffekte à la Richard Wagner auszuprobieren, war bei den Musikern wenig Entdeckerfreude zu spüren; die verworfenen Symphonie-Sätze "Blumine" und die "Todtenfeier" wurden vom RSB technisch überwiegend korrekt ausgeführt, blieben dafür aber völlig atmosphärefrei.

Tradition ist Schlamperei, hat Mahler einmal gesagt. Fragt sich nur, was dann Routine ist?

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