Kultur : Jerusalem Festival: Wagnis Wagner

Ein witziger Israeli hat es einmal so beschrieben: Mit Wagners Musik sei es in Israel wie mit Schweinefleisch. Jeder, der wollte, könnte es bekommen, nur reden dürfe man nicht darüber. Das musste jetzt auch Daniel Barenboim erfahren und sein Projekt - der erste Akt der "Walküre" beim Jerusalem Festival - nach vehementen Protesten der israelischen Öffentlichkeit wieder absagen. Das letzte Tabu der Musikgeschichte besteht weiter - vorerst jedenfalls. Denn der Streit um die "Wälse"-Rufe in der ewigen Stadt verdeckt, dass die Aufhebung des Wagner-Verbots auch in Israel nur noch eine Frage der Zeit ist: "Ring" und "Meistersinger" stehen in den Regalen der CD-Geschäfte und bevölkern das Programm der Radiostationen - wie jede andere Klassik auch. Das Tabu ist zwar nicht gebrochen, doch schon längst ausgehöhlt.

Dass Barenboims spektakuläre Aktion scheitern würde, war dennoch vorauszusehen: Erst vor zwei Jahren hatte die New Israeli Opera in Tel Aviv ein großes Hearing veranstaltet, um die Möglichkeit von Wagner-Aufführungen im Land auszuloten. Die Reaktionen, so berichtete Opernchefin Hana Munitz damals, seien derart heftig und emotional gewesen, dass man lieber die Finger vom heißen Eisen gelassen habe. Denn egal, ob der Vorwurf antisemitischer Tendenzen in Wagners Musikdramen nun berechtigt ist oder nicht, die in diesem Punkt besonders sensibilisierten Gefühle der Holocaust-Hinterbliebenen gilt es zu respektieren.

Dass die Ankündigung eines ersten "Walküren"-Aktes im ungleich konservativeren Jerusalem (und noch dazu durch ein deutsches, auf seine vierhundertjährige Tradition pochendes Orchester) in diesem Zusammenhang wie ein Schlag ins Gesicht wirken musste, kann niemanden wundern. Wenn in Israel in absehbarer Zeit einmal Wagner gespielt und inszeniert werden sollte, dann wohl am ehesten durch Israelis - sobald die noch sehrenden Wunden eine künstlerische Behandlung zulassen.

Bis dahin ist es vielleicht gar nicht so weit, wie der "Fall" des über Jahrzehnte als Nazi-Mitläufer gleichfalls unter Bann stehenden Richard Strauss zeigt. Als die Israeli Opera im vergangenen Jahr erstmals eine eigene Inszenierung der "Elektra" wagte, regte sich kaum jemand im Lande mehr darüber auf, ebenso wenig wie über eine "Salome"-Aufführung durch den in Israel sehr beliebten russischen Dirigenten Valery Gergejew. Den israelischen Wagnerianern, die es dort gibt, wie in jedem anderen Land auch, bleibt allerdings vorerst nur der Weg ins Ausland, am besten nach Berlin. Dort gibt es im nächsten Jahr nicht nur alle zehn Wagner-Opern am Stück, sondern auch Schweinefleisch satt. Und man muss ja nicht groß drüber reden.

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