Kultur : Jimi Hendrix war ein Flugzeug

HANS SEGGERN

TAGESSPIEGEL: Wie läuft Ihre Europa-Tournee bislang?

SANTANA: Großartig, sehr inspirierend.Es ist immer phantastisch, hier herüberzukommen und zu lernen.

TAGESSPIEGEL: Seit Sie in den siebziger Jahren zu den Anhängern des indischen Gurus Sri Chinmoy gehörten, gelten Sie als Esoteriker.Wollen Sie mit Ihrer Musik Spiritualität vermitteln?

SANTANA: Ja.Es gibt nichts Wichtigeres im Leben, als Spiritualität zu erfahren.

TAGESSPIEGEL: Welche Rolle spielen Drogen für die Entwicklung Ihres inneren Lebens?

SANTANA: Eine sehr große.LSD, Meskalin oder Peyote zeigen uns, daß wir in einem multidimensionalen Universum leben, dem wir nicht entkommen können.Du kannst dir vornehmen, nur eine Gemüsedose in einem Lebensmittelladen zu sein, aber tatsächlich bist du der ganze Laden! Stoffe wie LSD, Meskalin und Peyote machen dir klar, daß alles eins ist.Israeli, Palästinenser, Komantsche, Apatsche oder Japaner - alle gehören zusammen.Das ist Medizin, das sind keine Drogen wie Heroin oder Kokain, die von Menschen gemacht werden.Mutter Natur produziert nur Medizin - das ist etwas ganz anderes.

TAGESSPIEGEL: Die Lieder, die Sie spielen, klingen sehr unterschiedlich: Einige - "Oye como va" oder "Evil Ways" - sind tanzbar, andere - etwa auf dem Album "Love Devotion Surrender" - wirken eher kontemplativ.Woher kommt diese Spannbreite?

SANTANA: Beides gehört zusammen wie Teller und Tassen.Wissen Sie, John Coltrane spielte "My Favorite Things", bis er starb, Miles Davis "Human Nature" und "Time after Time".Songs sind nur die Vehikel für das, was du empfängst und weitergibst.Die Songs sind nicht so wichtig, wie das, was du in sie hineinlegst.Stevie Ray Vaughan etwa konnte auch "Mary had a little lamb" spielen.

TAGESSPIEGEL: War Woodstock die ultimative musikalische Erfahrung Ihres Lebens?

SANTANA: Jeder Tag ist eine ultimative Erfahrung.Jeder Tag ist ein spiritueller Orgasmus.Woodstock war wichtig, weil es uns eine Möglichkeit gab, die Menschen mit einer anderen Art von Schwingung zu bombardieren als nur dem Blues.Es war Afro-Cuban mit Blues und James Brown und so weiter, es war die Möglichkeit, Frauen sich anders bewegen zu lassen.Dies war es auf einer physischen Ebene.Auf der spirituellen Ebene war es die Chance, unsere Seelen mit Ravi Shankar und John Coltrane zu verbinden.Woodstock ging weit über das Show-Biz und Entertainment hinaus.

TAGESSPIEGEL: Mit welchen Gefühlen erinnern Sie sich an Jimi Hendrix?

SANTANA: Mit Respekt und Verehrung und einer Menge Dankbarkeit.Man könnte fast sagen, daß er sich aufgeopfert hat, um ein Flugzeug zu sein, das dich auf eine Reise mitnimmt.Wenn man seiner Musik zuhört, nimmt er einen mit, irgendwohin.

TAGESSPIEGEL: In welcher Musik finden Sie heute Spiritualität?

SANTANA: Ich mag B-Tribe, Deep Forest, HipHop.Ich mag jede Art von Musik, in der man Gott tanzen fühlt.Manches ist halt nur Plastik.Aber auch Country & Western oder Techno-Pop ist nicht notwendigerweise schlecht.Es kommt darauf an, wer es macht und wie.Seele, Herz, Geist, Körper - alles muß in einer Note enthalten sein.

TAGESSPIEGEL: Sie sind in Mexiko geboren worden, leben aber heute in Kalifornien.Wie sehen Sie die heutige Situation der Hispanics in den USA?

SANTANA: Sie ist erbärmlich.Ich denke, die Hispanics machen sich nicht klar, was sie bewirken könnten.Ohne Gewalt oder Brutalität - nicht wie in Irland oder Jerusalem.Die Amerikaner in Kalifornien, Arizona, New Mexiko müssen sich bewußt werden, daß sie ohne die Menschen aus Panama, Nicaragua, Costa Rica, Mexiko aufgeschmissen wären.Wenn sich alle zusammentun und für einen Tag nicht arbeiten würden, wenn man sagen würde: "Säubert für drei Tage kein Hotel in Kalifornien, kocht nicht und so weiter", das würde alles lahmlegen.Aber in Europa sieht es doch genau so aus: Ich meine, wer macht eure Arbeit in Deutschland? Wir müssen aufwachen und lernen, in Würde zu teilen.Wir sind alle hier, um zu dienen.

TAGESSPIEGEL: Was halten Sie von der US-Politik gegen Kuba?

SANTANA: Es wird besser, langsam, aber sicher.US-Fluglinien fliegen wieder nach Kuba.Ich denke, wir sind vielleicht noch drei oder vier Jahre von dem "Mauerfall" entfernt.Wir wollen alle dasselbe für unsere Kinder.Wir wollen Meinungsfreiheit.Wenn dir jemand erzählt, was du essen sollst - dann ist mir egal, ob er Republikaner oder Kommunist ist, das ist Mist! Man muß die Freiheit haben, zu essen, was man will und seinen Kindern beizubringen, was man will.Wir brauchen Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit auf der ganzen Welt.Wir brauchen eine Weltregierung, der es nicht ums Geld geht oder um Macht, sondern um Mitgefühl und Verständnis.Ich weiß, es klingt irre, aber: Friede, Licht, Liebe und Freude sind die einzigen Pässe in der neuen Weltordnung.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie schon mal von der "Loveparade" gehört?

SANTANA: Nein, das klingt aber gut.

TAGESSPIEGEL: Die Loveparade ist eine riesige Party, bei der sich jeden Sommer eine Million junger Leute in Berlin versammeln, um zu Techno und House zu tanzen.

SANTANA: Gerade bei Techno ist es wichtig, wer auflegt, wer die Songs macht.Wenn man die Stücke in einer bestimmten Weise schreibt, kann es deine molekulare Struktur bewegen, kannst du deine spirituelle Energie spüren.Wenn es dich nur zu einem beschränkten Affen macht, dann stimmt was nicht.Es muß dich erheben, dich inspirieren, deine Flügel auszubreiten.

TAGESSPIEGEL: Möchten Sie Ihren Fans in Deutschland noch etwas mitteilen?

SANTANA: Bleibt euch treu, folgt dieser kleinen Stimme in euch.Sie wird euch zu immensen Fähigkeiten verhelfen.

Carlos Santana spielt heute um 20 Uhr mit seiner Band in der "Arena" in Treptow.

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