Joan Armatrading live in Berlin : Worte sind wie Brenneisen

Me, Myself and I: Joan Armatrading gibt auf ihrer Abschiedstour im Berliner Wintergarten ein mitreißendes Konzert.

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Joan Armatrading im Berliner Wintergarten.
Joan Armatrading im Berliner Wintergarten.Foto: dpa

Die Frau ist ein Shouter. War sie immer schon. Allerdings von der melodiösen Sorte. Keine reine Blues-, sondern eine Pop-Shouterin. Ohne Allüren, ohne Schnörkel, aber mit Spieltrieb und mit Stolz sowieso. Schwarze Frau, schwarzer Anzug, schwarze Bühne, quadratische Leinwand für ein paar im Lauf des Abends eher pflichtschuldig angebotene Visuals – aus. Puristische Angelegenheit, das Konzert von Joan Armatrading im Berliner Wintergarten.

Genauso ist es richtig, ist es gut. Nach 42 Bühnenjahren und 23 Alben weiß die Folkpop-Heroine, worauf es ankommt – nur auf sie ganz allein. Und so ist die von Joan Armatrading als „letzte große Welttournee“ angekündigte Konzertreise durch Europa, Amerika, Australien und Afrika gleichzeitig die erste, die sie solo absolviert. Und als die in der Karibik geborene und in Birmingham aufgewachsene Britin unter lautem und herzlichen Willkommensjubel die Bühne betritt, wird einem erst richtig klar, dass es gar nicht so viele schwarze Songwriterinnen mit einem so langen Bühnenatem in diesem Genre gibt. Selbst aus Tracy Chapman ist bislang keine zweite Joan Armatrading geworden.

Die nickt freundlich die Vorschusslorbeeren der Fans ab, scherzt ein wenig, hängt eine hellblau und weiß gemusterte E-Gitarre um und spielt „City Girl“, einen Song von ihrem Debütalbum „Whatever’s For Us“. Die Nummer ist von 1972, die Frau Jahrgang 1950, doch weder dem Lied noch der Stimme merkt man ein Verfallsdatum an. Das bleibt die ganzen anderthalb Stunden so. Nur bei den Oktavwechseln, dem Springen in den Falsettgesang, ist ihre Stimme nicht mehr so geschmeidig. In der Tiefe hat sie dafür noch an Volumen gewonnen.

Joan Armatrading kokettiert, dass sie ihren Hit "Love and Affection" mal weglassen will

Es dauert drei Songs und einen Wechsel ans E-Piano, bis der erste Mitsing-Hit kommt – „All The Way from America“, geschrieben 1980. Da waren ihre großartigen Alben „Show Some Emotion“, „Steppin’ Out“ und „Me Myself I“ schon draußen. Und da war die schlaksige Sängerin mit dem coolen Afro (Joan, warum trägst Du heute nur den rausgewachsenen Pagenkopf von Mireille Mathieu?) schon mehrfach zu Gast im berühmten „Rockpalast“ des WDR-Fernsehens gewesen – ihr Durchbruch in Deutschland. Aber noch nicht ihr Durchbruch in den US Billboard Blues Charts. Da landete sie erst 2007 mit dem Album „Into The Blues“ auf Platz eins.

Armatradings Gitarrenanreicher händigt ihr ein schwarzes Akustikinstrument aus, weiter geht’s im Armatrading-Songbook. Mit der knalligen Uptempo-Nummer „Mercy Mama“, „Down To Zero“ und „Drop The Pilot“ und – auch wenn sie zuerst unter Aufjaulen des Publikums kokettiert, den Song an diesem Abend erstmals seit 1976 bei einem Konzert weglassen zu wollen – mit ihrem Hit „Love and Affection“.

Dass sie ein paar Nummern mit Halbplayback-Spuren aufpolstert, hat die Lautere zum Konzertbeginn angekündigt, von einem Konservensaxofon, das quäkt wie eine Kindertröte, und fiesem synthetischen Streichertutti war allerdings nicht die Rede. Mit Joan Armatradings knackigen Rhythmuswechseln, ihrem Spaß am eigenen E-Gitarrengeschepper und ihrem kraftvollen Gesang halten diese Retorteneffekte einfach nicht mit. Seltsam nur, dass die große Frau meint, diese Klangkrücke zu brauchen. Wo ihre Power – abgesehen von kleinen Plauderpausen – doch für 90 Minuten Singen und Spielen reicht. Die einzige größere Singpause ist die süße Joan-Armatrading-Dia-Show, die die Sängerin lässig, aber mit viel Sinn für Name-Dropping moderiert. Sie mit Supertramp, Paul McCartney, Elton John oder Nelson Mandela, fotografiert von Annie Leibovitz, Lord Snowdon, Robert Mapplethorpe. Doll.

Beeindruckender aber ist, zu hören und zu sehen, dass die Worte einer Musikerin wie Brenneisen sind. Als Zugabe singt Joan Armatrading eine wehmütige Ballade aus den Siebzigern – „Willow“. Längst nicht ihr bekanntestes Lied. Und doch singen die Menschen den Refrain zart und schön mit.

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