Kultur : "Joe Goulds Geheimnis": Wie man Millionen Worte spürt

Kerstin Decker

Zuerst Der Bohemien. Die letzten Bohemiens sind wohl Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahren ausgestorben. Denn gleich darauf wurde das Bohemiensein zur allgemeinen Angelegenheit, der sich fast niemand mehr entziehen konnte. Es kamen die Hippies.

Da war der letzte Bohemien schon tot. 1957 gestorben, an Arteriosklerose und Senilität. Er hieß Joe Gould und beschloss irgendwann, nie wieder einer geregelten Tätigkeit nachzugehen, worin er viele Nachahmer finden sollte, die jedoch nicht immer wie er einen Summa-cum-laude-Harvard-Abschluss vorweisen konnten.

Man nannte Gould auch Professor Seagull, weil er behauptete, die Sprache der Seemöwen zu verstehen und Longfellows Hiawatha gerade in ihren Dialekt zu übersetzen. Jeder war geneigt, ihm das sofort zu glauben, denn seine eigene Aussprache war unverkennbar die einer Möwe, die Englisch gelernt hat. Ian Holm spielt Joe Gould. Er ist perfekt im Möwen-Englisch.

Holm-Goulds Hauptwerk allerdings - hier haben wir schon den nächsten signifikanten Unterschied Goulds zu seinen Nachfolgern, den Hippies: sie schufen keine Hauptwerke mehr - sein Hauptwerk also hatte gar nichts mit den Möwen zu tun. Er arbeitete an nichts Geringerem als der "Oral History of Our Time". Eine komplette Geschichte der Gegenwart, aufgeschrieben nach ihren mündlichen Zeugnissen, wie man sie hört in Kneipen, auf Parkbänken, an Straßenecken. Insofern handelt es sich bei Gould ganz sicher um einen Vorläufer der neueren französischen Geschichtsschreibung, auch Nouvelle Histoire genannt. Als Gould seinen Biographen zum ersten Mal traf, schrieb er schon 26 Jahre an seinem Hauptwerk. Das sagte er jedenfalls dem Biographen, der eigentlich Reporter beim New Yorker war und in dieser Eigenschaft sofort das Einzigartige einer solchen Unternehmung sowie ihres Urhebers erkannte. Eine Million Worte, ein Manuskriptturm von 1,67 Meter. Und das Ende nicht im Mindesten abzusehen.

Man möchte das noch weiter erzählen, die "Kritik" bis zum letzten Satz hinausschieben, aber es wäre wohl unfair. So pittoresk-skurril diese (wahre) Geschichte, sie hat einen Haken. Formulieren wir es so: Die eine Million Worte - man spürt sie. Manchmal meint man, sie selbst zu zählen. Und Joe Goulds Satz "ein Ende ist nicht im Mindesten abzusehen", bereitet aufrichtiges Erschrecken. Wozu es verschweigen? "Joe Goulds Geheimnis" ist ganz sicher der langweiligste Film dieses Jahres. Vielleicht ist es mit den Filmen wie mit den Menschen. Die Langweiligen sind gar nicht die Unsympathischsten, ja man mag sie, man mag ihre Sorgfalt, ihr Bemühen, auch ihr Talent, nichts leicht zu nehmen, überhaupt sind sie fast vollkommen - wenn das Vollkommene nicht so langweilig wäre.

Dabei ist dieser Joe Gould die denkbar unlangweiligste Figur - langweilige Bohemiens, das wäre doch eine Selbstwiderlegung. Und was für ein zukunftsweisender Lebensplan für jeden, der wie Gould einmal den Beschluss fassen wird, nie wieder einer geregelten Tätigkeit nachzugehen. Menschen mit geringer Phantasie und ebensolchen Konten beantragen in diesen Fällen Sozialhilfe. Gould nicht, er gründete den Joe-Gould-Fund, offen für alle Sponsoren. Doch, Ian Holm spielt den letzten Bohemien mit aller Würde. Und wie er die Ketchupflaschen über seinen Tellern leert! (Denn Ketchup ist das einzige, sagt Gould, was es in den Restaurants umsonst gibt, und man muss diese Chance nutzen.) Stanley Tucci, der Regisseur ("Big Night", "The Imposters") spielt auch mit, und Susan Sarandon als die (authentische) Malerin, die Gould mit drei Geschlechtsteilen malte. Ja, dieser letzte Bohemien und erste Mann mit drei Penissen kannte sie alle: e.e. cummings, Ezra Pound und die anderen. Trotzdem besitzt "Joe Goulds Geheimnis" irgendwie die Dramaturgie der "Oral history of our Time", deren Geheimnis - es betrifft den kritischen Punkt eines jeden außergewöhnlichen Werks, nämlich den seiner Existenz - hier der Diskretion halber nicht bloßgelegt werden soll.

Bliebe eine letzte Möglichkeit. Was, wenn Stanley Tuccis Film in Wirklichkeit einer über Joe Goulds Biographen ist, den Reporter vom "New Yorker", der Gould "entdeckte"? Ihm verdankte Gould die Freitische überall und dass der Joe-Gould-Fund eine kommerziell erfolgreiche Einrichtung wurde, was nicht jeder Obdachlose von seinen selbstgegründeten Unterstützungsfonds sagen kann. Jawohl, der Reporter ist die eigentlich tragische Figur hier. Nach seinem zweiten und letzten Artikel über Gould (nach dessen Tod) ging er noch zwanzig Jahre lang täglich in sein Büro beim "New Yorker", ohne jemals wieder eine Zeile zu schreiben, erfahren wir im Abspann. Zwanzig Jahre ohne etwas zu schreiben - mein Gott, ist das langweilig.

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