Jörg Fauser : Rausch der Wirklichkeit

"Der Strand der Städte": Zum Abschluss der Jörg-Fauser-Werkausgabe.

Gerrit Bartels
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Hauptsache gut und aufrichtig schreiben. Jörg Fauser, 1985. Foto: teutopress

In einem der allerletzten Texte, die Jörg Fauser geschrieben hat, kurz vor seinem mysteriösen Unfalltod auf einer Münchner Autobahn in der Nacht zum 17. Juli 1987, befasste er sich nicht zum ersten Mal mit der Schlappheit der deutschen und der Vitalität der amerikanischen Literatur. Für den müden, schlimm „anspruchsvollen“ deutschen Agentenroman „Dorle und Wolf“ von Martin Walser hatte Fauser gerade mal eine bedauernde Zeile übrig. Begeistert und beunruhigt dagegen zeigte er sich von Russell Banks’ Roman „Gegenströmung“, der das Schicksal eines amerikanischen Arbeiters aus New Hampshire mit dem von ein paar Immigranten aus Haiti kreuzt. „Die amerikanische Literatur ist immer eine Literatur der Erfahrung, der Welt, des gelebten Lebens gewesen“, schlussfolgerte Fauser.

Damit lässt sich natürlich schön auch das Fauser’sche Schaffen beschreiben, sein Anspruch, so viel gelebte Erfahrung und so viel Welt, wie es ihm nur möglich war, in seinen Büchern unterzubringen, überhaupt Schreiben und Leben eins werden zu lassen: „Leben, Lebensinhalt und Lebensunterhalt, das lässt sich nicht mehr voneinander trennen“, hat er einmal gesagt. Dabei war es ihm jedoch immer ein Bedürfnis, kein Elfenbeinturmbewohner zu werden, sondern den Schreibtisch zu verlassen und „dorthin zu gehen, wo das eigentliche Leben war“, sei das nun im Rotlichtmilieu der Potsdamer Straße in Berlin oder im hessischen Landtag.

Zudem fand er nie etwas „Ehrenrühriges“ daran, „wie für viele deutsche Feuilletonisten, für Geld zu schreiben.“ So belieferte Jörg Fauser das Männermagazin „Lui“ genauso wie „Spiegel“ und „Stern“, schrieb er für die Kulturzeitschrift „Transatlantik“ genauso wie für das Berliner Stadtmagazin „Tip“, Reportagen, Kritiken, Glossen, alles. Und auch Interviews führte Fauser, etwa mit Günter Grass, dessen Bücher er nicht gerade über die Maßen schätzte, für den „Tip“ 1982 anlässlich des Schriftstellerkongresses in Ost-Berlin.

Alle diese journalistischen Arbeiten liegen jetzt endlich in der damit nun vollständigen neunbändigen Jörg-Fauser-Werkausgabe des Berliner Alexander Verlages in einem Band vor, nachdem sich (die inzwischen verstorbene) Witwe Fausers, Gabriele Fauser, lange Zeit und auch mit einstweiligen Verfügungen vor Gericht gegen die Veröffentlichung dieses 1600 Seiten starken Buches mit dem Titel „Der Strand der Städte“ gewehrt hatte. Als „zu intim“ waren Gabriele Fauser manche der journalistischen Arbeiten ihres Mannes erschienen, unter anderem vermutlich diejenigen (und keineswegs schlechten), die Fauser als junger Gymnasiast verfasst hatte, als zu voluminös und qualitativ zu schwankend überhaupt das ganze Buch mit weit über tausend Texten.

Am Ende konnten Verlag und Witwe sich irgendwie einigen, und mit „Der Strand der Städte“ lässt sich nun noch einmal gewissermaßen auf den Grund von Fausers Werk blicken. Hier findet sich der Rohstoff für seine Erzählungen und seine Romane, Politreportagen über die Berliner Wirtschaft oder Joschka Fischer genauso wie seine Reiseberichte. Und hier finden sich gebündelt seine Abneigungen, aus denen er nie einen Hehl machte, und seine Vorlieben, insbesondere für eine bestimmte Art von Literatur, die er nicht müde wurde als „wahrhaftig“ und „lebensnah“ zu loben und zu bewundern, von Bukowski und John Fante über Bruce Chatwin, Graham Greene und Paul Theroux bis zu Raymond Chandler oder Chester Himes. Alles Autoren, denen er nacheiferte mit seinem Vorsatz, „so gut und so aufrichtig zu schreiben, wie man unter Anspannung aller Kräfte vermag.“ Auffallend vor allem immer wieder seine Ausfälle gegen das Feuilleton, gegen „jene Kulturkritik, deren Autoren sich selbst wichtiger nehmen als den Gegenstand ihrer Betrachtung.“ Davon nahm er auch junge schreibende Popmenschen wie Diedrich Diederichsen und Rainald Goetz nicht aus, in denen er die „definitiv kommenden Stars der Kulturkritik“ sah, sie aber auch als „Kulturzombies eines Kapitalismus“ bezeichnete, „der verzückt seinem eigenen Nachklang hinterherlauscht in der endlosen Nacht des Monopoly. Irre.“ Fauser verstand sich als Milieuausräucherer, die 68er waren ihm genauso suspekt wie eben jene Protagonisten der neuen Kulturkritik. Beide sind unverwüstlich, und nicht zuletzt deshalb wäre Fauser auch heute noch der schreibende Solitär, der er in den siebziger, achtziger Jahren war.

Jörg Fauser: Der Strand der Städte. Gesammelte journalistische Arbeiten von 1959–1987. Alexander Verlag, Berlin 2009. 1595 S., 49, 90 €. Heute, 20 Uhr, im Prater der Volksbühne: Fauser-Lesung mit Franz Dobler, Jürgen Kuttner, Inka Löwendorf

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