John Updike : Ehebruch als Lebensquell

In besten Verhältnissen: Zum Tod des großen amerikanischen Schriftstellers John Updike.

Gerrit Bartels
John Updike
John Updike. Der Schriftsteller Mitte der neunziger Jahre in New York. -Foto: Ulf Andersen / laif

Es war in den späten achtziger Jahren, als John Updike erzählt wurde, "vielleicht im Spaß", dass da jemand plane, eine Biografie über ihn zu schreiben. Leicht empört darüber, dass hier ein Mensch daran dachte, "mir mein Leben, meine Goldmine, meinen Hort an Erinnerungen wegzunehmen", setzte Updike sich kurzerhand selbst hin und verfasste eine Reihe autobiografischer Essays, um dieses sein Leben, "diese massive gegebene Größe, die zufällig mit mir zu tun hat, als exemplarisch darzustellen, als stellvertretend in ihrer sonderbaren Einzigartigkeit, stellvertretend für all die sonderbar einzigartigen Leben auf dieser Welt."

Unter dem schön doppeldeutigen Titel "Selbst-Bewußtsein" erschienen diese Essays kurze Zeit später, und Updikes Selbstbewusstsein war zu diesem Zeitpunkt berechtigterweise schon so groß, dass er seine Herkunft und seinen schriftstellerischen Werdegang mindestens als "stellvertretend" verstanden wissen wollte. Sein Leben und Werk sah er in einen größeren, sehr amerikanischen Zusammenhang gebettet. Und möglicherweise hatte er genau das schon als junger, "skrupelloser", von einer unschönen Hautkrankheit namens Psoriasis geplagter, mit jedwedem Leid dennoch nur flirtender Schriftsteller immer vorgehabt: "In der langen Zukunft, die vor ihm lag, ganz Amerika als ein Mosaik darstellen", wie er es eines seiner Alter Egos und genauso listigen Gegenmodelle, den Schriftsteller Henry Bech, sagen lässt.

Ein Ausschnitt der amerikanischen Alltagsrealität

Für ganz Amerika hat es bei John Updike sicher nicht gereicht, dafür war er nach dem Weggang aus seinem Elternhaus in Shillington, Pennsylvania, wo er 1932 geboren wurde, und seinen ersten schriftstellerischen Bemühungen im New York der mittleren, späten fünfziger Jahre zu sehr Angehöriger der weißen, protestantischen, gebildeten, wohlhabenden Ostküstenmittelschicht, deren Bigotterien er so gut auszuleuchten und zu interpretieren verstand. Aber würde man seine Bücher, beginnend mit der sich über drei Jahrzehnte erstreckenden Rabbit-Tetralogie und seinen bis heute erfolgreichsten Roman "Ehepaare", über "Die Erinnerungen an die Zeit unter Ford" bis vielleicht zu seinem 2006er-Roman "Terrorist" in chronologischer Reihenfolge lesen, bekäme man einen doch sehr großen Ausschnitt der amerikanischen Alltagsrealität und jüngeren Geschichte. Und darüber hinaus: Zum Jahrtausendwechsel veröffentlichte er mit "Gegen Ende der Zeit" einen Roman, der 2020 spielt, in einem von einem Atomkrieg mit China zerstörten Amerika.

Mag die Apokalypse aber hier endgültig eingetreten, die alte Ordnung zusammengebrochen sein, so ist doch der Held des Romans, der pensionierte Börsenmakler Ben Turnball, ein alter Bekannter aus Updikes riesigen Erzählwerk. Dessen Sorgen und Ängste, vor allem aber dessen Obsessionen und Erlösungsphantasien sind jene von Harry Angstrom aus den Rabbit-Romanen, von Roger Lambert in "Das Gottesprogramm", oder von John Updike selbst aus "Selbst-Bewußtsein". Obwohl Turnbull wegen eines Prostata-Tumors in naher Zukunft operiert werden soll und Sex nur noch imaginieren kann, ist dieser, wie bei so vielen Männerfiguren Updikes, ein unverzichtbares Lebenselixier für ihn.

Er war keine Taube

Und auch wie man Ehebruch buchstabiert, wie man ihn positiv deutet, weiß Turnbull genau: "Meine Ehe, das wusste ich, war zum Scheitern verurteilt durch diesen Vertrauensbruch oder durch die, die danach noch kamen, aber ich war wieder lebendig in diesem beständigen unmittelbaren Gefahrenmoment, in dem Tiere ein gesundes Leben führen."

John Updike, in konservativen, kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, war ein Kind der prüden fünfziger Jahre, heiratete im Alter von zarten 23 Jahren und zeugte mit seiner Frau bis 1960 vier Kinder. Er war keine Taube setzte sich für den Vietnam-Krieg ein, was er später bereute, aber nur zu gut verstand, fand aber vorher schon sein bevorzugtes Thema: das der sexuellen Freizügigkeit, das des Ehebruchs, wenn gleich oft unter großen Schuldgefühlen.

In einer frühen, noch als Harvard-Student verfassten und 1954 vom "New Yorker" (wo er kurze Zeit später anfing zu arbeiten und dann bis ins hohe Alter schrieb) abgelehnten Kurzgeschichte mit dem Titel "Ace ist Trumpf" deutete er an, in was für Turbulenzen junge Paare mit der ewigen Liebe geraten können. Und in seinem ersten Rabbit-Roman "Rabbit, Run" ist er 1960 schon auf der Höhe seines 69er-Erfolgsromans "Ehepaare", als er Harry Angstrom seine schwangere Ehefrau kurzzeitig verlassen lässt (viel später betrügt Angstrom sie gar noch mit seiner Schwiegertochter).

Sein Leben dürfte ihm jetzt keiner mehr wegenehmen

John Updike ist sich in dieser Hinsicht sehr treu geblieben, wie noch sein wunderbarer, um keine sexuelle Schilderung verlegener 2007er-Roman "Landleben" beweist. Auch seinen Figuren blieb er treu: sei es "Rabbit", den er 2000 in einer Art Epilog im Bewusstsein seiner verbliebenen Angehörigen noch einmal zum Leben erweckte. Sei es Henry Bech, der in vier Büchern ein repräsentatives Schriftstellerleben führt und sogar den Nobelpreis erhält, für den Updike immer bloß im Gespräch war. Seien es die "Hexen von Eastwick", die er zuletzt als "Die Witwen von Eastwick" wieder auferstehen ließ (der Roman erscheint im Juli auch auf Deutsch). Treue bewies er auch sich selbst gegenüber in seinem nie versiegenden, immer klaren und realistischen, psychologisch ausgefeilten Erzählfluss. Wenngleich diese Treue nicht mit thematischer oder formaler Eintönigkeit verwechselt werden sollte: Updike schrieb Bücher auch über Golf und die US-Kunstszene. Oder er versuchte sich eben in "Terrorist" in die Psyche eines fanatischen Islamisten einzudenken. Und er war ein großartiger Kurzgeschichtenerzähler sowie ein glänzender Essayist und Nachrufschreiber. Sein "mustergültiger Nachruf" auf Nabokov etwa animierte den damals noch jungen Autor Nicholson Baker, ihn unbedingt begegnen zu wollen, ausgehend davon, einen Barthelme-Nachruf zu schreiben und "wenigstens einen Satz darin hinzukriegen, der ebensolches Format hatte wie viele in Updikes Nachruf auf Nabokov."

Baker setzte Updike mit seinem lustigen, klugen Buch "U&I" 1991 ein frühes Denkmal, das Updike übrigens selbst rezensierte. Verehrt aber wird Updike nicht erst seitdem wie kaum einer der großen US-Schriftsteller von Roth bis Pynchon. "Man möchte gern etwas schreiben, was noch gelesen wird, wenn man selbst schon tot ist", hat Updike einmal widerstrebend in einem Interview bekannt. Sein Leben dürfte ihm auch jetzt keiner so leicht wegnehmen, und so ein reiches erzählerisches Werk macht ihm erst recht keiner nach. Das wird noch lange bleiben. Am Dienstag ist John Updike einem Lungenkrebsleiden erlegen.

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