Kultur : Jubel, Zweifel, Kitsch

Dmitrij Kitajenko und das Konzerthausorchester.

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Was soll man nur anfangen mit diesem suggestiven Thema, das Tschaikowsky in seiner fünften und vorletzten Symphonie so plakativ mit den Oboen in Moll beginnen lässt und dann durch vier Sätze hindurch in die Dur-Herrlichkeit des Finales führt? Soll man es ernst nehmen? Kann man es ernst nehmen? Dmitrij Kitajenko, seit dieser Saison Erster Gastdirigent des Konzerthausorchesters an der Seite von Iván Fischer, hat die e-Moll-Symphonie im Rahmen eines Tschaikowsky-Zyklus gerade erst mit dem Gürzenich-Orchester eingespielt. Wirklich neue Antworten findet er aber auch nicht.

Zunächst aber Alfred Schnittke, der andere Russe dieses Abends. Obwohl: Schnittke war eigentlich Russlanddeutscher. Sein erstes Bratschenkonzert (1985) ist ein Paradebeispiel für die „Polystilistik“, die er, enttäuscht vom Serialismus, für sich entwickelt hat. Unverbunden wie zwei Flüsse, die lange nebeneinander herströmen, ohne sich zu vereinigen: So stehen sich Solist und Orchester gegenüber. Die Bratsche ist pausenlos präsent, fast könnte man sie geschwätzig nennen. Kim Kashkashian findet für ihr Instrument einen innigen, schwermütigen und zugleich luziden Klang, der aber in dem Tutti-Ausbruch des Orchesters verblasst. Kitajenko beschränkt sich auf gestischen Minimalismus, mit dem es ihm allerdings immer wieder gelingt, einzelne Phrasen markant herauszuheben.

Mit Tschaikowsky fremdelt Kitajenko weit weniger, er entwickelt regelrecht sportlichen Ehrgeiz am Pult. Verführerisch organisch die Dynamiksteigerungen, bewundernswert die Klangbalance. Das von Adorno so gescholtene Hornsolo im zweiten Satz („Sonnige Mondnacht in der Krim“): Selten hat man es so süß und zart gehört. Schwarzgallige Dramatik im zweiten, üppig blühende Fagotte im dritten Satz. Das berüchtigte Finale erstrahlt majestätisch, golden glänzend, klassisch ausgewogen – eine traditionelle Lesart. Per aspera ad astra. Aber darf man dem trauen? Tschaikowsky selbst hat wohl gespürt, dass das Finale zu vordergründig ist, und seiner letzten Symphonie, der Pathétique, ein tief empfundenes Adagio lamentoso hintangestellt. Kitajenkos Interpretation stellt hingegen keine Fragen. Sie zweifelt nicht. (noch einmal Samstag, 20 Uhr) Udo Badelt

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