Jüdische Kulturtage : Die heimliche Hauptstadt

Das Centrum Judaicum erinnert an das kulturelle Leben in Lemberg. Die Ausstellung "Wo ist Lemberg?" geht einer Stadt auf den Grund, die für Deutsche, Polen, Ukrainer und Russen jeweils ganz Verschiedenes bedeutet.

Jens Mühling

Wie denn nun? Lwów, Lwiw, Lwow oder Lemberg? Kommt darauf an, wer über die Stadt in der westukrainischen Grenzregion Galizien spricht: Polen, Ukrainer, Russen und Deutschsprachige verwenden nicht nur verschiedene Namen für die multinational geprägte Metropole. „Es meint auch jeder eine andere Stadt, wenn er von Lemberg spricht“, sagt Sofia Onufriw, die ukrainische Kokuratorin einer soeben eröffneten Lemberg-Ausstellung im Berliner Centrum Judaicum.

So löst der Gedanke an Lemberg bei Polen vor allem Erinnerungen an die Zeit vor 1772 sowie die kurze Phase zwischen den beiden Weltkriegen aus, in der die Stadt zum westlichen Nachbarland gehörte und Polen in Galizien die Bevölkerungsmehrheit stellten. Ukrainer, vor allem die im Westen des Landes, sehen in Lemberg dagegen ihre „heimliche Hauptstadt“, in der die national empfindende, auf stärkere Distanz zu Russland drängende Front um den Landespräsidenten Viktor Juschtschenko ihre Machtbasis hat. Letztere wiederum wird von Russen mitunter als nationalradikale Bewegung wahrgenommen, die in einer Traditionslinie mit den galizischen Nazikollaborateuren des Zweiten Weltkriegs steht. Im deutschsprachigen Raum dagegen erinnert man sich an Lemberg vor allem als östlichen Vorposten der k. u. k. Monarchie und als Ort des Grauens, wo im Zweiten Weltkrieg der starke jüdische Bevölkerungsanteil – rund 120.000 Menschen – komplett ausgelöscht wurde.

Dieser Massenmord ist es denn auch, der in der Ausstellung in der Neuen Synagoge den Schwerpunkt setzt. Sechs Künstler aus der Ukraine und Deutschland haben Aspekte des untergegangenen jüdischen Geisteslebens der Stadt in Szene gesetzt. Die ukrainische Designerin Olena Turianska etwa hat den Salon der Opernsängerin Salomea Kruschelnytska als Papiermodell nachgebaut, während sich der Berliner Pit Arens in einer Installation mit dem Werk des Lemberger Wissenschaftlers Ludwik Fleck auseinandersetzt. Parallel kommen Zeitzeugen zu Wort, die in den frühen neunziger Jahren aus Lemberg emigrierten und heute als Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Berlin leben.

„Wo ist Lemberg?“, bis 2. Dezember im Centrum Judaicum, Oranienburger Str. 28, Mitte. Geöffnet So. bis Do., 10 bis 18 Uhr. Begleitend zur Ausstellung ist im Ch. Links Verlag das Buch „Lemberg – Eine Reise nach Europa“ mit literarischen Stadtporträts erschienen (256 Seiten, 19,90 Euro).

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