Jüdisches Theater : Die letzte Tasse Kaffee

Das Jüdische Theater feiert 100 Jahre Tel Aviv mit einer Revue und lässt die Berliner Kulturszene der Zwanziger und Dreißiger aufleben.

Annabelle Seubert

Ein Lichtblick, das Loch. So traurig es klingt, aber Gedanken über das Nichts gehören zu den Höhepunkten dieses Abends. „Wenn der Mensch ,Loch’ hört, bekommt er Assoziationen: Manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche an Goebbels.“ Tucholskys Psychoanalyse der Hohlräume lässt das Publikum im Jüdischen Theater „Bimah“ schmunzeln. Leider kommt das während der Premiere von „Eine unglaubliche Begegnung im Romanischen Café – bevor die ,Jeckes’ Jeckes wurden“ eher selten vor. Obwohl das Stück auf einer schönen Idee beruht.

Dan Lahav, Regisseur und Intendant des Neuköllner Theaters, stand oft vor dem Europacenter am Ku’damm und stellte sich die Berliner Kulturszene der Zwanziger und Dreißiger vor. Hier, im Erdgeschoss eines Prachtgebäudes, das bis 1943 die Ecke der Tauentzienstraße zierte, war das legendäre „Romanische Café“. Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Else Lasker-Schüler, Lotte Lenya und Friedrich Hollaender zählten zu den Stammgästen. Lahav macht sie zu seinen Protagonisten. Auf einer Bühne mit rotem Samt und goldenen Spiegeln inszeniert er ein letztes Treffen der Künstlerkollegen in ihrem Lieblingslokal – bevor sie dem „Dritten Reich“ endgültig den Rücken zukehren, um Antisemitismus oder Militarismus zu entfliehen.

„Wie hätte ihre Zusammenkunft ausgesehen?“, fragte sich Lahav. Die Antwort ist einfach: so nicht. Oder hätte Kästner wirklich erklärt, dass er eine intensive Beziehung zu seiner Mutter pflegte? Hätten seine Freunde das nicht ohnehin gewusst? Mit vielen Charakteren und komplexen Biografien versucht Lahav, jüdische Kultur in das Gedächtnis seiner Zuschauer zu hämmern. Aus gegebenem Anlass: Tel Aviv feiert sein 100-jähriges Bestehen. Ein wichtiges Anliegen also. Das auch ankommt, wenn die Personen in einem Nebensatz beschrieben werden. „Na, Erich, du alter Gigolo“, sagt Lotte Lenya (Tanja Arenberg) einmal mit breitem Wiener Akzent, „immer noch hinter den alten Weibern her?“ Zwischendurch geben „Ohrenschmalz“, ein Trio mit Piano, Violine und starker Stimme, etwa Hollaenders „Stroganoff“ zum Besten. Wenn aber sämtliche Namen jüdischer, verfolgter und emigrierter Künstler heruntergebetet werden, fragt man sich doch, ob man in einer Unterrichtsstunde sitzt. Ob eine Lesung oder ein Liederabend nicht subtiler wäre, deutsches Kulturerbe zu würdigen.

„Eine unglaubliche Begegnung im Romanischen Café“ erstickt an Unglaubwürdigkeit. Ein epileptischer Anfall Lasker-Schülers hier, Kästners Erinnerung an die Bücherverbrennung da, die Furcht vor der Gestapo dort. Dann plötzlich Tanz, Gesang und Poesie. Verteilt auf dem ewig gleichen Bühnenbild, bedeutet das Chaos. Übersättigung. Langeweile. Wie heißt es bei Tucholsky (Manfred Kloss) noch mal? „Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.“

Nächste Vorstellungen: 18. und 20.12.

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