Kultur : Jünger, kleiner, kürzer!

Rüdiger Schaper

Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht. Es war Mitte der sechziger Jahre, als in West-Berlin das deutschsprachige Theatreffen laufen lernte und Drafi Deutscher seinen Schlachtruf ewiger Leidenschaft herausposaunte. Alles, alles geht vorbei. Doch wir sind uns treu. Bis heute.

"Das Theatertreffen ist das Festival unter dem Dach der Festspiele, das ich nach Übernahme der Intendanz am wenigsten verändern möchte", sagt Intendant Joachim Sartorius. Eine Liebeserklärung. Morgen wird im Haus der Berliner Festspiele, der ehemaligen Freien Volksbühne, die 39. Ausgabe eröffnet. Der Kulturstaatsminister und der Regierende Bürgermeister halten im Spiegelzelt die kurze Reden zur langen Nacht. Das Theatertreffen ist ein Klassiker - und immer nur so gut wie seine Gegner und Kritiker.

Seltsam, wie eine oft schon totgesagte Veranstaltung die gesamte Szene animiert. Im vergangenen Jahr war der Ärger der nicht für Berlin nominierten jüngeren Regisseure derart heftig, dass sie in Frankfurt ein eigenes Treffen organisierten und die gute alte "Experimenta" exhumierten. So schnell dreht sich der Wind: Mit Luk Perceval, Nicolas Stemann, Sebastian Nübling und Stefan Pucher tummelt sich nun die Hälfte der Frankfurter Sezession auf dem Theatertreffen. Pucher macht mit "Drei Schwestern" aus Basel sogar den Auftakt in Berlin, und Stemanns Hannoveraner "Hamlet" gastierte bereits auf der "Experimenta", die sich damit erledigt hat.

Eine Einladung zum Theatertreffen gilt immer noch sehr viel. Der Regisseur und Intendant Claus Peymann konnte sich früher mit den Berliner Siegerurkunden die Wände tapezieren. Nun darf er bei den Bundesjugendspielen 2002 nicht mitlaufen - und ruft am Berliner Ensemble "das einzig wahre Berliner Theatertreffen" aus. Er mischt seinen regulären Spielplan mit ein paar prominenten Gastspielen auf (Harald Schmidt, Roberto Ciulli, Thomas Langhoff), und fertig ist das Festival! Das BE ist obendrein auch Gastspielort des offiziellen Theatertreffens, wie auch die (ebenfalls nicht nominierte) Schaubühne am Lehniner Platz. Dort hat man im Mai zwei Premieren angesetzt, ätsch! Im Sog des Theatertreffens segelt auch noch das Off-Off-Festival "Reich und berühmt". So viel Theater war nie.

Und selten gab es so viele Debütanten. Die neue, verjüngte Kritiker-Jury (Georg Diez, Gerhard Jörder, Simone Meier, Gerhard Preußer, Franz Wille) hat sich, wie nicht anders zu erwarten war, bei ihren Vorgängern revanchiert und das Höchstalter bei Fünfzig festgesetzt. Frank Castorf und Christoph Marthaler geben die Methusalems im Tableau 2002. Galt der vorige Jahrgang (mit den Zadeks und Bondys) manchem als vergreiste Schnarchnummer, so wird nun auf den ersten Blick ein Frischzellen-Programm forciert. War zuletzt das Wiener Burgtheater mit vier Inszenierungen Spitze, so ist es jetzt Zürich mit drei Stücken; Konjunktur als selffulfilling prophecy.

Doch ernsthaft stellt niemand mehr die Generationenfrage im Theater. Da wirkt die Haltung der Jury selbst schon wieder überholt. Und ihr calvinistischer Reformationswille produziert Versäumnisse, Härten, Ungerechtigkeiten. Warum man zum Beispiel Michael Thalheimer und seine "Emilia Galotti" vom Deutschen Theater Berlin nicht eingeladen hat, erklärt sich wohl nur aus der Tatsache, dass die vorige Jury diesen Regisseur im letzten Jahr mit zwei Einladungen allzu sehr pushte. Die Strafe folgt auf dem Fuß. Ähnliches gilt für Peter Zadek: Seine Hamburger Inszenierung von Neil LaButes "Bash" - mit der überragenden Judith Engel - nicht einzuladen, erscheint töricht. Schließlich handelt es sich um ein neues Stück, um fabelhafte junge Schauspieler und eine altmeisterliche Regie, die in ihrer schlagenden Einfachheit jeden Nachwuchsregisseur zum Erröten bringt. Wie fast alle Jurys der letzten vier Jahrzehnte bringt sich auch diese unvermeidlich in Ideologieverdacht.

Alles voll macht der Mai. Sämtliche Vorstellungen des Theatertreffens sind ausverkauft, die Neugier des Publikums und der Medien scheint ungebrochen. Allerdings ist die Situation für die Theaterfans jetzt besonders frustrierend. Dass dieses Jahr so viele draußen bleiben müssen, hat auch einen theaterästhetischen Grund. Denn die Mehrzahl der ausgewählten Inszenierungen - wie Meg Stuarts "Alibi" aus Zürich, Jossi Wielers "Alkestis", René Polleschs "Prater-Trilogie" und Percevals "Traum im Herbst" aus München - bewegen sich in winzigen, intimen Räumen mit beschränktem Platzangebot. Bitter für das Publikum! Die Jury kümmert sich um die Umsetzung ihrer Auswahl grundsätzlich nicht.

"Die Bedeutung des Theaters für die heutige Zeit hat eher wieder zugenommen. In einer sprachlosen, weil sprachzugeschütteten Welt ... ist das Theater ein herrlicher Faktor des Widerstands", meint Joachim Sartorius: "Das Theater bezieht Stellung". Es öffnet sich und kapselt sich ein, zur gleichen Zeit. Das Theater als Kokon: René Polleschs wilde Kammerspiele bilden den Prototyp, schon im Titel ("Insourcing des Zuhause", "Menschen in Scheißhotels", "Sex"). Dagegen wirkt das Castorfsche Dostojewski-Panorama "Erniedrigte und Beleidigte" wie ein Cinemascope-Opus im Circus Maximus. Fünf Stunden russisches Roulette, ein rasend verrückter Anachronismus! (Und die Volksbühne ist wieder mal einsamer Stadtsieger.) Anderswo, bei Pollesch oder Perceval (der 2000 mit zwölfstündigen Shakespeare-"Schlachten!" Triumphe feierte), ist man heute in einer guten Stunde durch und fix und fertig, etwa im Stil der minimal art. Der Schauspieler, der Tänzer, der Sprecher ist auf sich selbst zurückgeworfen, ein belebter Gegenstand. Die kleinen Formate vieler heute "bemerkenswerter Aufführungen" (so das einzige festgeschriebene Auswahl-Kriterium) liefern dabei ein Indiz für die Fragilität des Produktionsprozesses. Die so genannten Jungen sind sensibel. Dramaturgische Kraftmeierei findet man allenfalls noch bei älteren Regisseuren, Sechzigjährigen, die sich von den Zeitläuften abgehängt fühlen.

Gleich am zweiten Tag, in einer Matinee, geht es im Spiegelzelt um das gute alte Debattenthema "Jung sein ist wie eine Krankheit". Doch scheint die Frage nur mehr rhetorisch. Niemand will noch etwas von Pop-Theater hören. Mixed Media, Video, das Performative sind längst Standard landauf, landab, und die diesjährige Theatertreffen-Auswahl liefert dafür die Bestätigung.

Und sie ist beredter Protest gegen die Kulturpolitik jener Stadt, in der das Theatertreffen seine Heimat hat. Als die Jury ihre Entscheidung bekannt gab, verkündete Berlins Kultursenator Thomas Flierl erste Sparpläne - ohne Konzept, ohne Ideen, ohne Mut. Bühnen sollen jetzt zwar nicht geschlossen werden, doch der PDS-Politiker griff die Off-Szene und die Schauspielausbildung an. Inzwischen wurden die Grausamkeiten zwar gemildert und die Kürzungen teilweise wieder zurückgenommen. Doch der Schock sitzt tief. Das Podewil stand auf der Abschussliste. Es hat Künstler wie Meg Stuart und René Pollesch hervorgebracht, die nun zum neuen Theatertreffen-Kanon gehören. Die Schauspielschule Ernst Busch kämpft um ihre Existenz (siehe Seite 27). Von dort kommen die Stars von heute und morgen. Es herrscht Scheinfrieden an der kulturpolitischen Front. Im Sommer geht der Senat wieder in Haushaltberatungen. Man muss mit dem Schlimmsten rechnen. "Berlin wird ein kulturelles Sibirien", vertraute Claus Peymann der Pariser Tageszeitung "Libération" an. Er meinte natürlich zuerst die Lage seines Hauses.

Die Berliner Festspiele indessen, das Gefäß all dieser wundersamen, wunderbaren Entwicklungen, können sich als bundesunmittelbare Institution sicher fühlen. Allerdings: Joachim Sartorius und sein Team sind mit ihren finanziellen Möglichkeiten weit davon entfernt, in ihrem schönen, großen Festspielhaus übers Jahr ausgedehnte Treffen mit internationalem Theater zu veranstalten. Dies ist auch ein Grund, warum das Theatertreffen erst einmal bleibt, was es immer war - eine mit Krächen und Küssen gesegnete Lebensgemeinschaft. Wie meinte Drafi? Weine nicht, wenn der Regen fällt. Dam dam, dam dam ...

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