Kultur : Jürgen Böttcher: In finsterer Zeit warst du ein Licht

Torsten Hampel

Er war halb so alt wie heute, als sein erster und letzter Spielfilm abgedreht war. Dann haben sie ihn einkassiert; sie haben sich die Rohschnittfassung angesehen und beschlossen, den Film "einzubunkern". So steht es in einem Papier der Hauptverwaltung Film des DDR-Kulturministeriums. Den freiesten, anrührendsten Spielfilm, wie der renommierte Filmhistoriker Enno Patalas meint, der bei der Defa je gedreht worden ist: Jürgen Böttchers "Jahrgang 45" von 1966. Die Zensoren bescheinigten dem Film die "Heroisierung des Abseitigen", und das war ein Vorwurf.

Es gibt eine Stelle in diesem Film, ein Vormittag, die Sonne scheint und Mogul, der Alte, sitzt auf einem Hinterhof-Balkon und sagt zu seinem jungen Freund: "Ist das ein Wetter." Und weiter: "Bei so einem Wetter, wenn Du da bald 70 bist, dann kannst Du gar nicht begreifen, dass Du schon 70 Jahre gelebt haben sollst." - "Das muss man doch aber mitkriegen, kriegt man das nicht mit?" - "Natürlich kriegt man alles mit."

Und alles ab. Jürgen Böttcher sitzt in seiner Wohnung in Berlin-Karlshorst, im Malzimmer, wo die Tuben mit der Farbe drin sich auf dem Boden stapeln und wo der Haufen von dick beschmierten Papierstücken, Böttchers Paletten-Ersatz, die Staffelei-Füße längst begraben hat. Böttcher sitzt im Lederlehnstuhl und eigentlich will er über den Film heute nicht mehr reden, sagt er. So lange her. Da komme so viel zusammen. Und dann spricht er doch nur davon, die Gemälde bleiben im Hintergrund, lehnen an der Wand. Weil nämlich die Geschichte von "Jahrgang 45", die Geschichte vom Machen und dann Wegsperren, vom Arbeiten und dennoch nicht Wahrgenommenwerden, so etwas wie das Leitmotiv, das Grundmuster seines Lebens ist und die Bilder, wenn man so will, nur Farben darin.

Es ist lange her, ein halbes Leben, und Böttcher erzählt und erinnert sich daran, dass es diesen Film vor 35 Jahren tatsächlich gegeben hat. Er redet sich traurig, spricht von den Kritiken, die "Jahrgang 45" heute, in der neuen Zeit, als besten Defa-Film feiern. Die Namen Godard und Fellini stehen in diesen Texten und dass Böttcher, kein Zweifel, ihnen ebenbürtig ist. "Ich habe wichtige Filme gemacht", sagt er, "ich bin ein bedeutender Regisseur - aber nicht existent."

Böttcher hat nie wieder einen Spielfilm gedreht. Er hat sich aufs Dokumentarische verlegt und auch hier hochgelobte Werke geschaffen, Klassiker wie "Wäscherinnen" (1972), den stillen Film "Rangierer" (1984) oder "Martha" (1978), das Porträt einer Trümmerfrau, die noch im hohen Alter auf einer Kippe des Berliner Tiefbaukombinats Steine aus Abbruchtrümmern sortiert. Er hat der Arbeiterklasse beim Arbeiten zugeschaut, in den Großküchen und Stahlwerken und Chemiekombinaten. So einen hätten sie lieben müssen. Die Filme waren stilbildend für die großen ostdeutschen Dokumentarfilmer, für Regisseure wie Volker Koepp und Helke Misselwitz. Trotzdem, "das Beste darf man nicht machen", sagt Böttcher. Spielfilme, "ich wollte ja Spielfilme machen".

Der Grund für das Verbieten von "Jahrgang 45", das war gar nicht der Film selbst. Die Geschichte des jungen Ehepaares, das sich trennt und am Ende völlig unpathetisch wieder zueinanderfindet, ist politisch mindestens genauso harmlos, wie sie subversiv ist. Es war die Zeit nach dem 11. Plenum des ZK der SED, die Zeit des Kahlschlags in der Kultur. "Wer wen zwingen wird", sagte Walter Ulbricht damals, "und wer wen bestimmt in der Deutschen Demokratischen Republik, das wollen wir mal ausprobieren." Zwei Defa-Filmen wurde der Prozess gemacht, zehn weitere verboten oder deren Produktion gestoppt, der stellvertretende Kulturminister und leitende Defa-Funktionäre entlassen. Im Produktionsjahr 1966 kamen ganze drei Filme in die Kinos, darunter ein Indianer- und ein Zirkusfilm.

Böttcher hatte da seine Lektion bereits gelernt. Anfang er sechziger Jahre ist er aus dem Verband der Bildenden Künste der DDR ausgeschlossen worden, das war faktisch ein Mal- und Ausstellungsverbot. Und auch ein Film von ihm stand damals schon auf dem Index: sein erster, den er nach dem Abschluss an der Babelsberger Filmhochschule drehte; die Dokumentation "Drei von vielen" von 1961, ein Film, der das Leben von drei Dresdner Malern beschreibt. Darin taucht auch ein junger Mann auf, den kannte Böttcher noch von der Dresdner Volkshochschule, wo er 1953 in einem Mal-Kurs unterrichtete: Ein damals 14-jähriger Junge mit dem Namen Ralf Winkler saß in seinem Unterricht, der später als A. R. Penck weltberühmt und einer der teuersten zeitgenössischen Künstler werden sollte.

"Jetzt sehen die mich ja nicht einmal mehr an", sagt Böttcher, "weil ich eine Null bin." Das ist keine Koketterie. Er meint den Vorwurf der Freunde, dageblieben zu sein und Kompromisse gemacht zu haben. In der Tat, es gibt moralische Tiefstpunkte in seinem Werk, einen Film vom FDJ-Pfingsttreffen 1967 zum Beispiel, voller nervtötender Slogans und Rituale. Aber wer ihm die Zugeständnisse vorwirft, der hat nicht begriffen, wie das Leben in der DDR funktionierte. Und jenseits der reinen Machtmechanik, des zeitweiligen Liebkindmachens, um sich beim nächsten Mal wieder aus dem Fenster lehnen zu können, stellt sich noch einen andere Frage. Wären seine Arbeiten auch dann immer klarer und hellsichtiger geworden, wenn er nicht auch in die Fabrikation von Trugbildern verwickelt gewesen wäre? Wer lügt, kennt schließlich auch die Wahrheit.

Penck kannte das Land. Der schrieb, schon ein Großer, einmal einen Brief an Böttcher. Der zeigt ihn vor. "In einer Zeit der Finsternis und der Verwirrung warst Du ein Licht", steht da, "nun bist Du ein Klassiker und modern." Seine Bilder - die er seit 25 Jahren mit dem Namen Strawalde signiert, dem Namen des Dorfes in der Oberlausitz, in dem er seine Kindheit verbrachte - und die Filme zusammendenken, das kann Böttcher selbst nicht, wie er sagt. Die haben nichts miteinander zu tun. Keine Reflexionen finden sich in den Gemälden und Collagen, keine Illustrationen, keine Geschichten, nur Bilder, die ihre Gestalt im intuitiven Schöpfungsakt des Malers finden.

Die Lobeshymnen der Filmkritiker und die Einladungen zu Festivals kommen zu spät. Sie verweisen nur noch auf das das, was möglich gewesen wäre. Aber wann eigentlich? Wenn die DDR nicht die DDR gewesen wäre, dann vielleicht. Wo ihm Lob nicht einmal mehr Trost ist, entsprechend dünnhäutig reagiert Böttcher auf Kritik. Im vergangenen Jahr beim Leipziger Dokumentarfilm-Festival, das ihn in der DDR oft genug ignorierte und nun mit einer Werkschau ehrte, blaffte Böttcher zurück, sobald er in den Gesprächen mit dem Publikum auch nur wenig kritisiert wurde. Freunde, die ihn beschwichtigen wollten, ihm rieten, gelassen und souverän zu sein, fuhr er an.

Ein Film ist verboten worden. Paul Eichbaum, Jürgen Böttchers Laien-Darsteller des Mogul, der sich vor lauter schönem Wetter kaum noch an all das Dunkle in seinem Leben erinnern kann, hat "Jahrgang 45" nie sehen können. Als der Film 1990 aus dem Schrank geholt wurde, war er längst tot.

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