Kultur : Jugend und Holocaust: Zwischen Lehrplan und Realität

Susanne Vieth-Entus,Amory Burchard

Auschwitz!? Jeder fünfte Jugendliche in Deutschland, ergab 1997 eine Umfrage, wusste nicht, was das ist. Zwei Drittel wussten weder, wo Auschwitz liegt, noch wie viele Menschen in den Konzentrationslagern ermordet wurden. Was kann da Schule leisten? Und welchen Stellenwert haben Gedenkstättenbesuche in Lehrplänen?

Vorgeschrieben sind sie in keiner Klassenstufe, dennoch machen sich jedes Jahr hunderte Lehrer mit ihren Klassen auf den Weg nach Buchenwald oder Sachsenhausen. "Die Schüler sind ergriffen", so die Erfahrung von Geschichtslehrer Klaus-Peter Schmidt. Er fährt seit Ende der siebziger Jahre mit Klassen der Berliner Robert-Bosch-Realschule zu den Gedenkstätten. Diese authentischen Orte seien besonders geeignet, um den Kindern den Holocaust nahe zu bringen, um in ihnen Betroffenheit auszulösen.

Um Betroffenheit geht es auch den Lehrern der 1. Hauptschule Weißensee bei ihren regelmäßigen Gedenkstättenfahrten. Diese reichten aber nicht, betont Schulleiterin Karla Werkentin angesichts ihrer vielen "rechts gesonnenen Schüler". Sie muss flexibel reagieren, wozu auch gehört, dass sie etwa bei sprachlichen Entgleisungen ("In diese versiffte Judenschule gehe ich nicht") oder bei Hakenkreuz-Schmierereien sofort einschreitet. Sie geht dann dazwischen, stellt die Schüler zur Rede. Mehr ist auch nicht möglich. Nur Schadensbegrenzung.

Die Rahmenpläne legen bereits für die fünfte und sechste Klasse eine Behandlung des Themas fest. Hier sollen "kindgerechte" Schriften wie etwa Auszüge des Anne-Frank-Tagebuchs behandelt werden. Das Schwergewicht liegt aber in der neunten Klasse, wenn rund sieben Wochen lang im Fach Geschichte das Thema NS-Zeit und Zweiter Weltkrieg auf der Tagesordnung steht. Darüber hinaus kommt es in Deutsch in Zusammenhang mit literarischen Texten zur Sprache, in Erdkunde im Kontext mit der Gründung des Staates Israel und in Sozialkunde in Zusammenhang mit Aspekten wie Rassismus und Verletzung von Menschenrechten. In der gymnasialen Oberstufe ist jeweils ein Semester in Geschichte und Politischer Weltkunde für das Thema vorgesehen.

Über das Ziel, "Betroffenheit" auszulösen, wird gestritten. Es gibt andere Ansichten. Betroffenheit ist für die Gedenkstättenpädagogen längst kein Ziel mehr. "Gerade das nicht", sagt der Historiker Wolf Kaiser vom Haus der Wannseekonferenz. Die Überwältigung mit Emotionen kann auch trotzige Abwehr hervorrufen. Moderne Gedenkstättenpädagogik soll präzise informieren, auch über die Hintergründe und Ursachen des Systems der KZ-und Vernichtungslager.

Die Verantwortlichen der Gedenkstätten selbst sind zurzeit nicht gerade glücklich darüber, was ihnen auch die Politik an Verantwortung aufbürdet. Der hohe Anspruch an die pädagogische Leistungsfähigkeit wird als Zumutung empfunden. Man fühlt sich überfordert. Dietfried Krause-Vilmar, Erziehungswissenschaftler von der Uni Kassel sagt es so: "Man kann nicht erwarten, dass wir die Probleme der Politik lösen." Die Gedenkstätten seien neben Familie, Schule, Medien und Politik nur eine Stimme im Chor gegen den Rechtsradikalismus.

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