Jugendfilm : Auch Buddha hat klein angefangen

Mücken und Monster: Das Kinder- und Jugendprogramm der Berlinale-Sparte Generation scheut ernste Themen nicht.

Nadine Lange
Buddha
Szene aus "Buddha zerfiel vor Scham". -Foto: Promo

„Ich will nichts mit ihm zu tun haben!“ schreit Thomas (Rhys Wakefield). Der 15-Jährige ist überfordert und wütend. Gleichzeitig weiß er ganz genau: Mit Charlie (Luke Ford) wird er noch lange sehr viel zu tun haben. Denn Charlie ist sein älterer Bruder – und Autist. Morgens sitzt er grunzend vor dem Haus und schlägt mit einem Kochlöffel auf den Rasen. Manchmal rennt er auch halbnackt durch die Siedlung oder wirft sich an der Supermarktkasse auf den Boden. Thomas muss ihn immer wieder einfangen, beruhigen oder beschäftigen – vor allem jetzt, wo die Mutter (Toni Collette) hoch schwanger ist. Als sich Thomas in seine Mitschülerin Jackie (Gemma Ward) verliebt, würde er Charlie am liebsten verheimlichen.

„The Black Balloon“ heißt dieses sensible, wunderschön fotografierte Debüt der australischen Regisseurin Elissa Down, die selbst zwei autistische Brüder hat. Ihr sehenswerter Film eröffnet am Freitag im Babylon Mitte den Jugendwettbewerb Generation 14plus. Im Kino am Rosa-Luxemburg-Platz feiern alle Filme dieser Sektion ihre Premieren. Zweiter Spielort ist das Colosseum. Damit findet 14plus nun komplett im Osten Berlins statt und hebt sich noch deutlicher von der Kinderreihe Kplus ab, die im Zoo-Palast, Cinemaxx und Cubix läuft.

Das 14 Lang- und 13 Kurzfilme umfassende Programm von 14plus weist eine interessante Parallele zum Wettbewerb der „Großen“ auf: Erstmals sind auch hier zwei Dokumentationen dabei, und in beiden spielt das Berlinale- Schwerpunktthema Musik eine wichtige Rolle. „Love, Peace & Beatbox“ (als Cross-Section- Film auch in der Perspektive Deutsches Kino zu sehen) porträtiert eine Gruppe von Berliner Beatboxern, die mit Mund und Mikrofon unglaubliche Sounds erzeugen. Wesentlich ernster geht es in „War Child“ zu: Der Film begleitet den in den USA lebenden HipHopper Emmanuel Jal auf der Reise in seine alte Heimat Sudan, wo er als Kindersoldat an vier Gefechten teilgenommen hat. Jal glaubt, dass er überlebt hat, um seine Geschichte zu erzählen. Er berichtet von marodierenden Milizen, sinkenden Flüchtlingsschiffen und dem Geruch von sterbendem Fleisch.

Kinder in schwierigen Verhältnissen stehen auch in zwei Filmen der Kinder- Sektion Kplus im Mittelpunkt: In „Chop Shop“ von Ramin Bahrani geht es um einen 12-Jährigen, der sich auf einem Schrottplatz in New York durchschlägt. Und in dem malaysischen Beitrag „Flower in the Pocket“ versorgen sich zwei mutterlose Brüder selbst – oft auf ziemlich witzige Weise. Eröffnet wird das Programm von Kplus (12 Lang- und 19 Kurzfilme) mit „Waar is het paard van Sintaklaas?“ Es ist ein Wiedersehen mit Winky (Ebbie Tam), die schon 2006 im ersten Teil des klassischen PferdemädchenFilms für Begeisterung sorgte.

Eine der vielen Außenseiterinnen im Generationsprogamm steht in der australischen Komödie „Hey Hey It’s Esther Blueburger“ im Mittelpunkt: Die 13-jährige Jüdin trägt Brille und Zahnspange. Ihr einziger Freund ist eine kleine Ente – bis sie die coole Sunni kennen lernt. Durch eine tragische Wendung im letzten Viertel gerät der Film zwar dramaturgisch etwas aus dem Tritt. Doch durch ihren trocken-witzigen Blick auf Pubertät und Familie fängt Regisseurin Cathy Randall dies wieder auf.

Selbst fast noch ein Kind ist die Regisseurin von „Buddha Collapsed Out of Shame“. Die 19-jährige Iranerin Hana Makhmalbaf — Tochter von Mohsen und Schwester von Samira — erzählt in ihrem ersten Spielfilm davon, wie unglaublich schwer es einem afghanischen Mädchen gemacht wird, lesen zu lernen. Ein Film für die ganz jungen Kinofans kommt aus Dänemark. Das Zeichentrickabenteuer „Cykelmyggen og dansemyggen“ (ab fünf Jahren) von Altmeister Jannik Hastrup ist ein sehr nettes Mücken-Musical, bei dem sicher auch die Eltern Spaß haben werden. Extra für sie gibt es ein witziges „E. T.“-Zitat mit einer Rad fahrenden Stechmücke.

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