Jugendroman zum Thema Flucht : Dawns Traum von einer besseren Welt

Die abenteuerliche Reise über das Meer und die dramatischen Folgen - Martin Petersen lässt eine Geflüchtete sprechen

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Sie riskieren alles, um ihren Heimatländern zu entfliehen und hoffen auf ein besseres Leben.
Sie riskieren alles, um ihren Heimatländern zu entfliehen und hoffen auf ein besseres Leben.Foto: Orestis Panagiotou / dpa

Fast täglich sieht man sie auf unseren Fernsehschirmen, Menschen, die aus überfüllten wackeligen Schlauchbooten steigen – Menschen, die alles riskiert haben, um nach Europa zu gelangen, Menschen, die vor Krieg und Terror flüchten, aber auch Menschen, die sich von Europa eine bessere Zukunft versprechen. Aber wer sind diese Menschen, wie haben sie gelebt, was treibt sie um, warum riskieren sie das alles?

Der dänische Schriftsteller Martin Petersen hat sich nicht zum ersten Mal dieses Themas angenommen, er weiß auch, wovon er schreibt, denn er hat 1995 Kinder- und Jugendarbeit als Freiwilliger in einem Flüchtlingsheim in Kroatien geleistet. „Exit Sugartown“ ist der Titel dieses bewegenden Romans, der irgendwo im Süden, in „Sugartown“ spielt und im Norden, in „City“, endet. Petersen hält die Geschichte von Dawn, einem siebzehnjährigen Mädchen, bewusst in der Schwebe, eine geografische Zuschreibung ist nicht möglich, außer, dass das Meer zwischen beiden Städten liegt – und das gilt es am Ende irgendwie zu überwinden.

Erinnerung mit allen Sinnen

Dawn diktiert ihre Geschichte einem Journalisten in sein Gerät, der schreibt sie auf und hinterlässt sie uns – den Lesern: „Ich habe ihre Bedingungen akzeptiert: keine echten Namen, weder von Menschen noch von Orten oder Firmen. Das ändert nichts an der Glaubwürdigkeit, im Gegenteil, es verleiht ihrer Geschichte eine besondere Kraft: Indem sie an einem unbestimmten Ort spielt, spielt sie überall. Indem sie von irgendjemandem handelt, handelt sie von allen“, schreibt der Journalist zur Einleitung und dann erzählt Dawn ihre Geschichte.

Sugartown ist für sie eine Erinnerung mit allen Sinnen: „Was ich rieche? Dosenfisch, den Gestank von Abwasser, Essensgerüche. Charlies Pupse. Das Blut frisch geschlachteter Hühner.“ Aber Sugartown ist auch „Schokolade, Honig, Fruchtsaft und Süßigkeiten auf dem Rand eines Marmeladenglases. Manchmal haben wir gespielt, dass es schon reicht, an diese Dinge zu denken, um satt zu werden.“

Petersen lässt seine Ich-Erzählerin das Leben in Sugartown schildern, sie berichtet von ihrer Mutter, die bald stirbt, dem trinkenden Vater, dem kleinen Bruder Charlie und der besten Freundin Didi. Dawn erzählt von schlecht bezahlter Arbeit, Ausbeutung beim Knopflochnähen, dem beruflichen Scheitern des Vaters.

Sugartown kann überall sein. Martin Petersen erzählt eine dramatische Flucht über das Meer - nach "City", in die "weiße Welt".
Sugartown kann überall sein. Martin Petersen erzählt eine dramatische Flucht über das Meer - nach "City", in die "weiße Welt".Foto: Dressler

Freundin Didi bringt sie zusammen mit Chuck und Lucky, zwei coolen Jungs, die von dem großen Traum träumen, von einem besseren Leben in der weißen Welt. Und Didi überredet Dawn, sich mit ihr auf den Weg zu machen, über das Meer, zu einem besseren Leben, das sie in die Lage versetzen werde, ihrer Familie Geld zu schicken.

Eindringlich schildert Petersen den inneren Kampf zwischen der Verpflichtung, der Familie zu helfen, für sie zu sorgen – und der verlockenden Idee, in der City ein besseres Leben zu finden. Petersen erzählt dies überzeugend, er hat recherchiert, er kennt die Versprechungen und die Enttäuschungen, dieses Gefühl, jetzt bin ich schon so weit gegangen, jetzt kann ich den nächsten Schritt auch noch tun.

Beklemmend und furchteinflößend die Reise über das Meer, die Enge auf dem Boot, der Kampf ums Überleben, aber auch das Arrangement mit den Verhältnissen, die kleine Geste, die Solidarität. Petersen versteht es, seine Leser zu packen. Die Ankunft in der City ist natürlich nicht so wie in den Träumen aus Sugartown. Das Lager hat seine eigenen Gesetze, zweideutige Angebote machen die Runde und setzen gerade der Erzählerin zu. Dass sie als Illegale am Ende im kriminellen Milieu endet, scheint dem Vorurteil gerecht zu werden. Jeder von Dawns Schritten erscheint aber schlüssig und konsequent. Jeder Leser möge sich prüfen, wie er an Dawns Stelle gehandelt hätte. Mit immer wieder neuen unvorhergesehenen Wendungen widersteht der Autor dem Klischee, sorgt für glaubhafte Überraschungen und gibt Einblicke in eine Welt, von der wir keine Vorstellung haben. Das Buch lässt einen nicht so leicht los. Rolf Brockschmidt

Martin Petersen: Exit Sugartown. Aus dem Dänischen von Friederike Buchinger. Dressler Verlag, Hamburg 2016. 290 Seiten. 14,99 €. Ab 14 Jahren.

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