Kultur : Julia Franck: Tage wie heute nutze ich zum Töten

Elke Auer

Sie öffnen hingebungsvoll den Mund und kriegen eine Gabel in den Rachen gerammt. Sie halten Cousins mit Käsefüßen für verführerisch, werden von der besten Freundin betrogen und lassen sich von hässlichen Männern mit Leberwurstbroten bedrängen. Die Frauen in den Geschichten von Julia Franck finden nichts Gutes, wenn sie zu lieben versuchen oder die Liebe suchen. Trotzdem tun sie nichts anderes. Wie schon in ihrem Roman "Liebediener" kommt auch in Julia Francks neuem Buch "Bauchlandung" die Liebe nur in traurigen oder gruseligen Variationen vor. In acht "Geschichten zum Anfassen", so der Untertitel, erzählen Frauen und Mädchen kurze Szenen aus ihrem Leben. Die Handlung ist oft banal - ein Besuch beim Opa, ein Treffen mit der Freundin, eine Unterhaltung in einer Bar. Aber verzahnt mit Rückblicken, Gedanken und Beobachtungen, erhalten die Episoden eine Uneindeutigkeit, die irritiert. Obwohl die Frauen ungeniert von sich berichten, bleiben sie unnahbar und wirken gefühlskalt. Wenn eine Schwimmmeisterin zappelnde Wespen aus dem Wasser fischt und sich dabei einen One-Night-Stand mit einem der Badegäste ausmalt, heißt es lapidar: "Tage wie heute nutze ich zum Töten. Meine Lust auf warm, gesellig und ähnliches macht mich grausam." Die geretteten Wespen werden umgebracht.

Immer ist in "Bauchlandung" die Liebe im Spiel, aber nie haben die Figuren etwas davon - außer hin und wieder Sex. Im besten Fall erleben sie einen Anflug von Erotik, meist aber nur Anflüge von Ekel. "Ich will einen treffen, den ich lieben kann", sagt etwa eine junge Frau auf der Zugfahrt zur Hochzeit ihrer Freundin und hofft auf eine Reisebekanntschaft. Tatsächlich setzt sich ein Mann zu ihr ins Abteil. Aber er wirkt schmierig und aufdringlich. "Da ich seit eben weiß, wie es um meine Sehnsucht nach Liebe steht, werde ich ihn nicht gleich hassen müssen", denkt sich die Frau. "Ich will sehen." Schonungslos beschreibt sie seine Annäherungsversuche, die immer obszöner werden, verlässt aber schließlich doch das Abteil.

Julia Francks kühler Erzählton ist auch bei den diesjährigen Klagenfurter "Tagen der deutschsprachigen Literatur" (ehemals "Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb") gelobt worden. Mit dem Text "Mir nichts, dir nichts", einer der Episoden in "Bauchlandung", hat die 1970 in Berlin geborene Autorin den 3sat-Preis gewonnen. In der Erzählung hat eine Frau gerade die Nacht mit dem Freund der besten Freundin verbracht. Als sie diese am Morgen trifft, verschweigt sie das Erlebnis und betrachtet die Konkurrentin mit eiskaltem Blick. "Sie sieht aus wie ein verhungertes Kind, wie eine vom Kinderstrich mit ihren rosa Plateausandalen aus Plastik", heißt es über die Unglückliche. "Nur wundere ich mich, dass ich kein Mitleid habe und dass ich sie mal schön fand." Die Gedanken und Rückblicke der Erzählerin zeigen: Es geht gar nicht um die Beziehung zu dem Mann, sondern vielmehr um die Hassliebe zwischen den beiden Frauen. So entstehe eine "schöne Ambivalenz", und die eigentlich triviale Dreiecksgeschichte werde zu einem "coolen Liebesreigen, der ohne Liebe auskommt", urteilte die Klagenfurter Jury.

Der ungerührte Mädchenblick findet sich in allen "Bauchlandung"-Geschichten wieder. Zwar variieren die Liebes- und Hassobjekte der Frauen - mal sehen sie ihren Vater sterben, nachdem sie ihn gerade erst kennen gelernt haben, mal lassen sie sich von den Liebhabern der Schwester und der Schwester selbst verführen, mal schildern sie dem Barkeeper, wie dessen Ex-Freundin es mit dem Nachbarn treibt. Aber immer blicken die Erzählerinnen allem, was sich ihnen bietet, reglos ins Gesicht. Minutiös schildern sie ihre Sinneswahrnehmungen: "Ich muß schlucken und wandere mit der Nase aufwärts bis zur Armbeuge, dort duftet es nach ihrem Mädchenschweiß und vielleicht nach der Spucke von Hans."

Manchmal wird dadurch Sinnlichkeit und Eindringlichkeit heraufbeschworen, manchmal auch nur Monotonie. Dann scheint Julia Franck dem schön Lakonischen ihres Erzählstils nicht ganz zu trauen, und sie streut Höhepunkte und Überraschungseffekte in die Geschichten, die diese eigentlich gar nicht nötig hätten.

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