Junge Autoren im Theaterbetrieb : Ich, das Grubenpferd

Stolz, Scham und Gespräche mit dem inneren Zensor: Der junge Bühnenautor Oliver Kluck erzählt von seiner wackligen Eroberung des Theaterbetriebs.

Oliver Kluck
Das Burgtheater Wien, in dem Klocks Stück "Die Froschfotzenfabrik" 2011 aufgeführt wurde.
Das Burgtheater Wien, in dem Klocks Stück "Die Froschfotzenfabrik" 2011 aufgeführt wurde.Foto: dpa

Bald konnte ich feststellen, dass der Stoff doch nicht zur Mitnahme bereitliegt wie Schnittwurst am Frühstücksbuffet im Hotel. Als ich mit dem Schreiben anfing, hatte ich mit dem Schreiben aufhören können. Hatte ich schon nicht mehr gewusst, was ich schreiben wollte. So hatte ich etwas vollkommen anderes geschrieben. Das Geschriebene fristgerecht abgeliefert. Kein einziger Anruf kam. Jetzt schaute ich jeden Tag nach meinem Konto. Bald kam das Geld und mit dem Geld die Freude und die Erleichterung. Und die ziemlich brauchbare Erkenntnis, dass die sogenannte Krise, von der immer alle reden, auch nichts anderes ist als eine weitere Inszenierung.

Ich bekomme einige Förderpreise, mindestens ein Arbeitsstipendium. Vom Theater, dem Nutznießer meines Schaffens, erhalte ich als Autorenförderung bezeichnete Aufwandsentschädigungen. Der Betrieb ist auf Rauswurf ausgelegt und schnellen Nachschub. Was den Alten, für die das Theater gemacht wird, gerade recht ist. Bevor auch nur eines der frischen Gesichter den Verkommenheitszustand der Traumproduktion durchschaut, ist auch schon das nächste da. Ein lustiges Wechselspiel sorgt dafür, dass alles so bleibt, wie es immer war. Die Burgtheaterkrise, um nur ein Beispiel zu nennen, ist demnach gar keine Krise, sondern das Leben selbst.

Was alle immer schon wussten, erfahre ich nach und nach. Wie bei einem Flickenteppich fügt sich das Bild einer Theaterwelt, die mir aus Thomas Bernhards „Holzfällen“ vertraut ist. Schneller als gedacht, werden die Kritiken zu den Texten schlechter. Unter meinem Namen steht, dass Spieler hervorragend gespielt hätten, junge Regisseure gute Ideen hatten, schwierige Texte bewältigt wurden. Zensor nimmt mich zur Seite, das Gesicht voller Sorge. Ich sei von meiner Auftragsschreiberei ausgebrannt. Der Betrieb hätte mich fertiggemacht, wie so viele zuvor. Was mir vorgelegt wird, unterschreibe ich sofort. Sehe ich mich heute auf Bildern aus der Zeit der großen Erfolge, kann ich mich selber nicht sehen. Meine Arbeit hatte mich ruiniert. Mit meinem beruflichen Aufstieg einher ging mein privater Verfall zum Nervenwrack. Nie kam die Pleite schneller als in den Tophäusern der Republik. Ich dachte tatsächlich, ich bin Unternehmer in eigener Sache, weshalb immer etwas unternommen werden musste

Zensor sagt, mein Konto wird jetzt sehr schnell leer sein

Je besser ich als Schreiber werde, desto weniger Produktionen gibt es. Bald kommt die erste Spielzeit ohne eine einzige Premiere. Zensor sagt, schuld an meiner Misere bin ich selbst. Fällt der Dramaturgie überhaupt nichts mehr ein, veranstaltet die Dramaturgie ein Autorentreffen. Dass ich so selten zu diesen Treffen gefahren bin, das wirke sich nun nicht gerade günstig auf den Grad meiner Beliebtheit innerhalb des Betriebes aus. Hinzu komme meine Lust am Verrat. Die Leute hätten schlichtweg ein ungutes Bauchgefühl, mit mir auch nur in Verbindung gebracht zu werden.

Aus Hamburg bekomme ich einen Auftrag für die große Bühne des Schauspielhauses. Ein großer Stoff soll her, weswegen ich mir eine besonders große Wohnung zum Schreiben miete. Nach Deutschlandlied und Europahymne gehe ich ins Gasthaus Reibach, wo die Mischgetränke einen glatten Zehner kosten. Als mein Vorschuss aufgebraucht ist, ist der rechte Zeitpunkt gekommen, die Arbeiten zu beenden.

Was entstanden ist, ist eindeutig große Kunst. Ratlose Gesichter bei Geschäftsführung und Intendanz nach der Generalprobe. Ein Fest von einer Premiere. Endlich ein Premierenpublikum, das seinen Gefühlen Ausdruck verschafft. Die erste echte Rückmeldung in meinem dritten Jahr als Grubenpferd des Theaters. Zensor zitiert noch am gleichen Abend Textstellen für Deutschlandradio Kultur, die es in meinem Text nicht gibt. Aus Frankfurt kommt nach der Pleitenpanik als Zweizeiler die Nachricht, dass eine bereits vereinbarte Stofflieferung nicht angenommen werden könne. Zu groß sei das Risiko, dass das Publikum meine Handschrift mit der des Hausautors Stockmann verwechsle. Zensor sagt, mein Konto wird jetzt sehr schnell leer sein. Ganz gleich, wen ich anrufe, alle werden gerade in den Endproben sein. Unerreichbar.

Gegen die Klischees von der Jugend von heute

Ein äußerlich desolater Zustand kann helfen, den ideal passenden Stoff zu finden. Eine Kriegsverletzung. Eine Magersucht. Ein gerade so überlebter Verkehrsunfall. Ein Eisenbahnunglück. Eine trinkende Mutter, ein prügelnder Vater. Ein nicht vorhandener Vater. Ein Vater, der trinkt, der die Mutter prügelt. Ein Exil. Die Schweiz. Die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft. Ein öffentlich vorgetragenes Bekenntnis. Eine Versicherung. Die Zugehörigkeit zu einer verfolgten Minderheit. Ein Ehepartner in Israel. Die Flucht aus einem kommunistischen Land. Das Erlernen einer geeigneten Sprache. Das Pflegen einer Macke. Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten biologischen Geschlecht. Eine merkwürdige Frisur. Eine merkwürdige Art, ein Gespräch zu führen. Vor allem aber, nichts hilft mehr als die Bereitschaft, sich ganz und gar dem Markt zu öffnen.

Absturz in die Freiheit. Ich brauche eine Weile, um die Situation als Gewinn zu begreifen. Freigestellt von allem, fange ich mit dem Schreiben an. Ich bin jetzt Zeitmillionär. Ich muss mich an mein Reichsein gewöhnen und an die Stille. Was mir gut gelingt und besser. So begreife ich auch, dass es keine Kritik ist, wenn Zensor wieder behauptet, unsere jungen Autoren schreiben leider keine richtig gut zu spielenden Stücke mehr, die Jugend von heute interessiere sich einen Scheiß für Brecht und Heiner Müller. Ich bin jetzt erwachsen, verstehe den Begriff Enttäuschung als die Auflösung der Täuschung. Was sichtbar wird, ist die Darstellung der tatsächlichen Situation. Das Leben selbst.

Oliver Kluck, 1980 auf Rügen geboren, lebt als Schriftsteller in Berlin. „Die Froschfotzenlederfabrik“ wurde 2011 im Kasino des Wiener Burgtheaters, „Leben und Erben“ 2012 im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses Hamburg uraufgeführt. Auszeichnungen: Förderpreis für Junge Dramatik des Theatertreffens, Kleist-Förderpreises für junge Dramatiker, Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft.

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