Junge Kunst : Warten, bis der Blaumann kommt

Moderne, über sie lässt sich lachen, mit ihr lässt sich spielen. "Leichtigkeit und Enthusiasmus": Junge Kunst und die Moderne im Kunstmuseum Wolfsburg.

Nicola Kuhn

Nie war der Wunsch, sich über die Ernsthaftigkeit der Kunst zu verständigen, größer als in den Zeiten der Krise, wenn die Preise zu purzeln beginnen. So gehört zu den beifällig benickten Bemerkungen einer jeden Podiumsdiskussion, dass nach dem Ende der Party nun endlich wieder über Inhalte geredet werde. Doch was soll schlecht daran sein, wenn ein Künstler mit seiner Arbeit Geld verdient und anschließend gemeinsam gefeiert wird?

Die Galerien und Museen versuchen trotz der Einbrüche bei Käufern und Sponsoren ihre Arbeit bestmöglich fortzusetzen, manch einer möchte aus den wirtschaftlichen Bedrohlichkeiten sogar moralisch-ethische Funken schlagen. So will Markus Brüderlin, der Direktor des Wolfsburger Kunstmuseums, einen Wertewandel und eine Bedeutungssteigerung für die Kunst beobachtet haben. Seit seinem Amtsantritt vor drei Jahren hat er die Moderne immer wieder auf ihre Bedeutung für das 21. Jahrhundert abgeklopft. Doch nun geht er den umgekehrten Weg und lässt das Verhältnis junger Kunst zur Moderne untersuchen.

Große Übersichtsausstellungen wie einst „German Open“ kann sich auch sein Haus nicht mehr leisten. Deshalb hat Kuratorin Annelie Lütgens programmatisch sieben Positionen aus den Feldern Malerei, Skulptur, Video und  Fotografie ausgewählt. Die Behauptung, damit zugleich marktfernen Positionen eine Chance einzuräumen, stimmt – glücklicherweise – nicht ganz. Ob Julian Rosefeldt, Sabine Hornig, Tatiana Trouvé oder Marcel van Eeden, sie alle haben ihre Galerien und in den letzten Jahren wichtige Ausstellungspräsentationen, Preise und Stipendien bekommen. Das spricht für ihre Qualität – und eben auch für ein gewisses Angekommensein auf dem Markt.

So ergibt sich ein heterogenes Bild zeitgenössischer Kunst, das mit den Kernbegriffen „Leichtigkeit und Enthusiasmus“, so der Ausstellungstitel, kaum erschöpfend erklärt ist. Von einem guten Künstler erwartet man ohnehin, dass seinem Werk die Anstrengung der Produktion nicht anzusehen ist und er mit Nachdrücklichkeit an die Arbeit geht. Die Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte versteht sich von selbst. Und doch fällt auf, dass sich junge Künstler in letzter Zeit zunehmend mit Positionen der Moderne beschäftigen. In den sphärischen Zeichnungen von Julie Mehretu lässt sich etwa eine Reminszenz des Klassikers Kandinsky erkennen. Gleichzeitig tauchen im Ausstellungsbetrieb vergessen geglaubte Vertreter der zweiten Generation auf, die in der Nachkriegszeit am Konzept der Moderne, der Abstraktion, weiterarbeiteten: Georg Karl Pfahler, Wilhelm Nay, Imi Knoebel.

Eine solche Wiederbegegnung inszeniert Marcel van Eeden im eigenen Werk. Der junge Holländer, der mit seinen gezeichneten Fotoromanen in der Ästhetik der Sechziger seit der Berlin Biennale vor drei Jahren international Karriere machte, eröffnet einen ganzen Salon mit seiner Malerei-Installation. Über eine Wandmalerei, die ein abstraktes Franz-Kline-Gemälde vergrößert zitiert, hängt er weitere schlechte Kopien jener Jahre und wiederholt in schwungvoller Schrift die Titelfrage eines Symposiums von 1959 in Baden-Baden: „Wie wird die moderne Kunst ,gemanagt’?“

Van Eeden ist ein pfiffiger Zeitenwanderer, der sich auch in seinen Zeichnungen immer wieder einer Epoche anverwandelt. Verbirgt sich dahinter die Sehnsucht des Künstlers nach Diskurs, der in den letzten Jahren verloren ging, wie Brüderlin vermutet? Oder ein cleveres Retrospiel mit den Sehnsüchten der Betrachter? Das Stichwort Moderne weckt Wünsche, denen van Eeden mit wenigen Pinselstrichen und einfachen Zeichnungen eine Projektionsfläche bietet.

Auch Sabine Hornig zapft mit ihren Skulpturen, die von der Minimal-Plastik eines Donald Judd geprägt sind, den klassischen Kanon an. Sie schafft frei schwebende Körper im Raum, die jedoch nicht abstrakt sind, sondern denen Geschichte innewohnt. Ihre Skulptur „Schule“ greift ein Baumodul auf, den gläsernen Eingangsbereich, wie er typisch für DDR-Schulen ist und sich noch heute zigfach im Ostteil der Stadt befindet. Die Bildhauerin baut diesen Prototyp in verkleinerter Form nach, separiert das Dach und schickt den Besucher durch eine Tür in einen zweiten Raum, wo er zwischen transluzid auf Fensterglas gedruckten Bäumen erneut den Schuleingang zu sehen glaubt.

Am Ende dieser Reise durch Räume sieht sich der Betrachter mit seiner getäuschten Wahrnehmung konfrontiert, mit Erinnerungen, in denen verkleinert erscheint, was in der Kindheit noch riesengroß war. Mit ähnlich vagen Gefühlen spielt Tatiana Trouvé, die in ihren Zeichnungen Interieurs mit absurden Möbeln kombiniert, Zimmerpflanzen überdimensional wuchern und Kabelagen über Wände klettern lässt. Sie bedient sich bei den im kollektiven Gedächtnis verankerten Bildern der Bauhaus-Moderne, deren architektonische Coolness sie mit surrealen Einschüben, gezeichneten Doppel- und Dreifachbelichtungen aufbricht.

Ebenso schöpft Julian Rosefeldt mit seinem Film „Shift“, den er als Prolog für eine Inszenierung von Crimp und Ravenhill an der Berliner Schaubühne entwickelte, aus dem Reservoir der Moderne, das apokalyptische, groteske Fantasien versiegelt hält. Die damals entwickelten Zukunftsvisionen sind längst überholt, der einstige Aufbruchsfuror verkümmert. Rosefeldts Protagonist, ein dicklicher Monteur, mal im weißen Overall, mal im Blaumann, macht sich auf vier Projektionsflächen immer wieder auf den Weg durch unendliche Flure, entlang wahnwitziger Regale oder sitzend vor den unüberschaubaren Apparaturen einer Schaltzentrale. Zum Sound von Kubrick und Tarkowskij versucht dieses lächerliche Menschlein inmitten der von ihm selbst geschaffenen Technik die Oberhand zu behalten.

Moderne, über sie lässt sich lachen, mit ihr lässt sich spielen. Dass junge Künstler sich an ihren architektonischen, ästhetischen Ausformungen abarbeiten, zeigt ihre Wirkmacht bis heute. Dieses Kräftemessen kann die Kunst nur stärken im Kampf mit der krisenhaften Wirklichkeit, draußen vor der Tür des Ateliers. Und das Museum erhält seine Deutungshoheit zurück.

Kunstmuseum Wolfsburg, bis 25. 10.; Katalog (Hatje Cantz) 26 €.

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