Jury : Emotional berührt?

Die neun Jungcellisten der Jugendjury gehen unbefangen an die Bewertung der Wettbewerber heran.

Drei von neun. Benjamin Lai (links), Elia Cohen-Weissert (Mitte) und Johannes Przygodda werden bei den Konzerten ganz genau zuhören und ihr Urteil fällen. Foto: Mike Wolff
Drei von neun. Benjamin Lai (links), Elia Cohen-Weissert (Mitte) und Johannes Przygodda werden bei den Konzerten ganz genau...

Jetzt sind sie mal auf der anderen Seite. Spielen nicht selbst, sondern bewerten und beurteilen das Spiel anderer. Für Benjamin Lai (17), Elia Cohen-Weissert (16) und Johannes Przygodda (17) ist das eine ganz neue Erfahrung. Die drei Jungcellisten gehören zu der neunköpfigen Jugendjury, die dieses Jahr beim Grand Prix Emanuel Feuermann erstmals einen eigenen Preis in Höhe von 1500 Euro vergeben wird. Warum wurde diese Jury eingeführt? Hören Jugendliche Musik anders als die Mitglieder der Fachjury? „Wir gehen da sicher unbedarfter ran, aber das ist ja auch der Sinn der Sache“, sagt Elia. „Während die Fachjury sehr auf Technik und Details achtet, ist für uns eher der Gesamteindruck wichtig. Wie haben wir uns beim Hören gefühlt, hat uns das Spiel emotional berührt?“ Letztlich geht es darum, eine zweite Meinung zu erhalten. Die Wettbewerbsbeiträge sollen auch von denen gehört und eingeschätzt werden, die keine Experten sind. Denn in Konzerten sind die Fachleute in der Regel auch in der Minderheit.

Ausgesucht wurden die neun Jugendjuroren von der Kronberg Academy, die in der Nähe von Frankfurt am Main ihren Sitz hat und den Wettbewerb gemeinsam mit der Berliner Universität der Künste (UdK) veranstaltet. Wie werden sie an die neue Aufgabe herangehen, worauf werden sie achten? „Technische Qualität haben alle Teilnehmer, das ist ganz klar“, sagt Johannes. „Aber die Frage wird sein, wie gut ihre spielerische Qualität ist.“ Eine besondere Schwierigkeit dabei ist, objektiv zu bleiben, denn viele Teilnehmer kennen die Jungjuroren persönlich, und das darf ihre Entscheidung natürlich nicht beeinflussen. „Der Eindruck beim ersten Hören wird entscheiden“, meint Johannes. „Aber da ich noch nie in einer Jury saß, kann ich auch noch nicht genau sagen, wie ich mich verhalten werde.“

Bisher war Johannes immer selbst am Cello gesessen. Geboren an der Berliner Charité, besuchte er schon in ganz jungen Jahren die Musikschule in Pankow und ist seit seinem 7. Lebensjahr Jungstudent an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ (HfM). Natürlich geht er trotzdem ganz normal zur Schule, in zwei Jahren wird er sein Abitur am Rosa-Luxemburg-Gymnasium in Pankow machen. Aber: „Das Cello hat oberste Priorität, und ich bin meinem Gymnasium sehr dankbar, dass ich für Konzerte problemlos freibekomme.“ Aufgetreten ist er als Solist unter anderem schon mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester im Konzerthaus am Gendarmenmarkt und mit dem Deutschen Sinfonieorchester im Sendesaal des RBB. Nach dem Abi will er ein richtiges Cellostudium beginnen und nach Möglichkeit auch in den USA studieren.

Da kommt Benjamin gerade her. Das heißt, eigentlich lebt er schon seit drei Jahren in Berlin. Geboren wurde er in Kalifornien, seinen ersten Cellounterricht hatte er bei Michail Gelfanbein, einem ehemaligen Schüler von Mstislav Rostropovich. Benjamin besucht das Musikgymnasium Carl Philipp Emanuel Bach in Mitte und studiert am Julius-Stern-Institut der UdK. Schon in den USA hat er angefangen, Deutsch zu lernen, weil klar war, dass er in diesem Land bald sein Cellostudium aufnehmen würde. „Berlin ist für uns die Cellohauptstadt“, sagt er. Das liege vor allem an den extrem guten Professoren, die hier unterrichteten. Benjamins Lehrer an der der UdK ist Jens Peter Maintz, Johannes lernt an der HfM bei Stephan Forck. „Aber auch ehemalige Professoren wie Wolfgang Boettcher oder David Geringas haben den Ruf von Berlin geprägt, ein ausgezeichneter Studienort für Cello zu sein“, meint Johannes. Und Elia erzählt: „In Israel haben alle Berlin empfohlen.“ Mit sieben Jahren hatte sie ihren ersten Cellounterricht am Konservatorium ihrer Heimatstadt Jerusalem, seit 2008 lebt sie – und mit ihr ihre ganze Familie – in Berlin, wo sie am Julius-Stern-Institut bei Catalin Ilea studiert. Elia tritt gemeinsam mit ihrem Bruder im „Julius Stern Trio“ auf, war dieses Jahr beim Festival „Young Euro Classic“ im Konzerthaus am Gendarmenmarkt dabei – und singen kann sie auch, zum Beispiel Arien des Cherubino aus „Figaros Hochzeit“.

Würden die drei nicht viel lieber selbst am Grand Prix Emanuel Feuermann teilnehmen, als in der Jugendjury nur zuzuhören? Sie sagen, dass sie sich dafür noch nicht reif fühlen. Johannes hat zwar schon einige Wettbewerbe gewonnen. „Aber dieser Wettbewerb dient dazu, eine Karriere zu starten. Dafür muss ich erst das Fundament schaffen“, sagt er. Um als Solist erfolgreich zu sein, müsse man die Gefühlswelt eines Komponisten, dessen Biografie und die Umstände seines Lebens beim Spielen vollkommen im Kopf haben: „Musik ist Emotion“. Und ob die bei den Teilnehmern des Wettbewerbs vorhanden ist, darauf werden die Jungjuroren besonders aufmerksam achten.

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