Kultur : Kalte Hände, warmes Herz

Der Winter ist für Straßenmusiker trostlos. Es sei denn, sie werden im Radio gespielt – wie die Ohrbooten

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Zwei zottelige Straßenmusiker steigen in die U-Bahn, beide etwa vierzig Jahre alt, einer wirbelt seine Gitarre durch die Luft, bevor sie anfangen zu spielen. Es sind Tom und Joe, zwei Engländer, die seit einiger Zeit im Berliner Untergrund als „fahrende Musikanten“ unterwegs sind. Mit einem lauten „Showtime“ beginnend, singen sie englische Coverversionen von Titeln wie „Ruby Tuesday“ von den Rolling Stones und fixieren ihr Publikum. Wer ihren Blick erwidert, denken sie, der gibt auch Geld – „She would never say where she came from“. Zwecklos die beiden zu ignorieren. Ihre Gitarren und Stimmen haben den Wagon im Griff. „Wie mit den Tauben“, muffelt ein Fahrgast, „nicht füttern, sonst kommen die wieder“.

Nicht immer verfügen Straßenmusiker über großes Talent. Aber alle träumen davon, vor einem dankbareren Publikum zu spielen. So auch eine Berliner Truppe namens Ohrbooten. Die vierköpfige Band würde mit ihrer Ausrüstung gar nicht in einen U-Bahnwagen passen, aber dafür hat sie auch einen Plattenvertrag. Sie spielen mit Gitarre, Keyboard und einer Cajon, einem südamerikanischen Schlagzeug. Damit der Klang im Verkehrslärm nicht untergeht, drehen sie noch einen Verstärker auf. So bauen sie sich in Parks, Cafés oder auf belebten Plätzen auf. Einer ihrer beliebtesten ist der Boxhagener Platz in Friedrichshain. Immer sonntags, wenn die Leute über den Flohmarkt schlendern und das Wetter mitspielt, treten sie dort auf. Oft bleiben die Menschen stehen, folgen den Texten, und werfen etwas Kleingeld in den Gitarrenkoffer. Die Ohrbooten können von ihrer Straßenmusik leben. Dafür lassen sie sich auch Außergewöhnliches einfallen: Auf einem Boot schipperten sie die Spree an allen Szenetreffs entlang. Im Oststrand, Yaam und im Club der Visionäre sahen die Gäste eine schwimmende Bühne mit kurioser Musik auf sich zukommen.

In Songs wie „Stadtkind“, „Ich glaube“ oder dem Radio-Hit „An alle Ladies“ besichtigt Sänger Ben, was so in seiner Umgebung vor sich geht. Wie tief er in Berlin verwachsen ist, hört man am Tonfall („Und Tschüss/ Wann ick wiedakomm is unjewiss/ Sicher ist, dass ick mir verpiss“). Doch fühlen sich Ben & Co vor allem dem Reggae verbunden. Gitarrist Matze klopft auf sein Akustikinstrument, dass es knallt und wummert, die Combo hat sich gegenseitig immer im Blick. Sie selbst nennen ihre Musik „GipHop“. Was soll das sein? „Gip von Gipsy und Hop von Hip-Hop“, erklärt Ben. Man ziehe umher und sei sein eigener Herr, „also Gipsy“. Den Gegensatz dazu bilde das urbane Lebensgefühl des Hip-Hop, dessen Reimkaskaden sich an die Gemeinschaft richten. So entwickelten sich Bens Texte vor der Passantenkulisse ständig weiter. „Viele Songs entstehen erst auf der Straße“, sagt Schlagzeuger Onkel M. „Ich finde, dass ist auch eine viel natürlichere Art, Lieder entstehen zu lassen, als in einen Proberaum zu gehen und sich zu fragen: Was machen wir denn jetzt?“

Auf Berlins Straßen ist schon so manche Karriere ins Rollen geraten. Prominentestes Beispiel: Schmacht-Popper Maximilian Hecker, der am Hackeschen Markt auf seiner Klampfe zu spielen pflegte. Wie ernüchternd aber dieses Dasein ist, erzählt die 30-minütige DVD-Reportage „Berlin-Analog“. Darin treten ambitionierte Künstler wie die Ohrbooten auch auf. Ziehen doch Ben und der Gitarrist Matze seit über acht Jahren durch die Stadt. Die Formation, wie sie heute auftritt, mit Onkel M. und Keyboarder Noodt, besteht seit zwei Jahren. Kennen gelernt haben sich drei von ihnen auf einem Workshop in Hamburg. Zurück in Berlin ergab sich kurze Zeit später die Möglichkeit, im Quasimodo ein Konzert zu geben. „Wir haben da aber noch einen Gitarristen in Australien hocken, der muss unbedingt mitmachen“, fasst Onkel M. den Aufbruch zusammen. Gitarrist Matze kam zurück und so spielten sie ihren ersten Gig, ohne einander allzu gut zu kennen. Aber die Vier waren entschlossen weiterzumachen. Sie ließen ein Demoband produzieren. Auf der Straße entwickelten sie ihren Stil und verkauften selbst gebrannte CDs.

Das brauchen sie jetzt nicht mehr. Da Ben Campino von den Toten Hosen privat kannte und ihm das Demo gab, setzte sich dessen JKP-Label für die Straßen-Entertainer ein, um sie an eine große Plattenfirma zu vermitteln. Die konnte wenig mit dem räudigen Gebahren der Berliner anfangen – und wollte zu viel mitreden. „Schon nach dem ersten Treffen kamen die sich wie das fünfte Bandmitglied vor mit ihrer fadenscheinigen Musikkompetenz“, moniert Onkel M. „Benutzt doch ein normales Schlagzeug oder singt nicht so berlinerisch, hieß es. Das waren Eingriffe in unsere musikalische Unabhängigkeit, die wir nicht hinnehmen wollten.“ Fortan kümmert sich JKP höchstselbst um die Ohrbooten. Ein erstes Album „Spieltrieb“ wurde veröffentlicht. Dazu eine Deutschlandtournee organisiert. Das Konzert im Postbahnhof war mit 1200 Zuschauern ausverkauft.

Nach der Arbeit im Studio ist es nicht ganz einfach, wieder die Aufmerksamkeit von Passanten erbetteln zu müssen. Doch die Ohrbooten wollen aufs Musizieren im öffentlichen Raum nicht verzichten. Onkel M.: „Wir erreichen auch ganz andere Leute, solche, die die Band nicht kennen und auch nicht in einen Club kommen würden. Wir können auf der Straße viel experimentieren und sehen, wie unsere Lieder ankommen.“ Und wirklich, während ihres Aufenthalts in Nürnberg, wo sie die Tournee hinführte, postierten sie sich auf dem Marktplatz, um zu spielen.

Die Wintermonate sind für Straßenmusiker eine düstere Saison. Es ist nass, kalt und die Fußgänger schlagen eher den Kragen hoch, statt stehen zu bleiben. Die Finger sind klamm, kaum können die Musiker Akkorde greifen. „Wenn wir im Frühling wieder auf der Straße stehen“, sagt Ben, „das erste Mal, dann werden wir denken, ach ja, da war ja was, ist das geil.“ Er streckt seine Arme zur Seite, guckt an die Decke und fügt nach einer Pause hinzu: „Straßenmusik transportiert ein sehr starkes Lebensgefühl“.

Ohrbooten: am 29. Dezember, 20 Uhr, im Postbahnhof. Die CD „Spieltrieb“ ist bei Warner und die DVD „Berlin Analog“ bei Lieblingslied Records erschienen.

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