Kultur : Kalter Terror, Weltenbrand

Die Kriegsgeschichte „Eine Tochter in Berlin“.

von

Am Anfang sind Eiger, Mönch und Jungfrau, die Stille, der Schnee und die Augen einer schönen Frau. Es ist ein letztes Atemholen, bevor der Weltenbrand ihn ganz persönlich erreicht. Ihn, den niederländischen Diplomaten Oscar Verschuur, der den Frühling 1941 in gespenstisch ruhigem Schweizer Bergidyll erlebt. Er und seine einst in Berlin im diplomatischen Dienst beschäftigte Familie liberaler Freigeister hat sich zerstreut; Ehefrau Kate lebt in London und betreut Kriegsversehrte, Tochter Emma ist in Berlin verheiratet. Ihr Mann arbeitet im Außenministerium für den später als Mitglied des Kreisauer Kreises hingerichteten 20.-Juli-Widerständler Adam von Trott. Von dort kommt die Information, die sie alle im Tun wie im Unterlassen zu Schuldigen macht. Es ist das Datum von Hitlers Überfall auf Russland, dem Beginn des „Unternehmens Barbarossa“, von dem Emma in Bern ihrem Vater erzählt. Von Stund an tickt die Uhr, drei Wochen lang. Verschuurs moralisches Dilemma ist bedrückend aussichtslos. Soll er schweigen oder reden? Und um welchen Preis? Etwa dem, die Tochter zu opfern?

Die repressive Atmosphäre des nationalsozialistischen Deutschlands fasziniert den niederländischen Schriftsteller Otto de Kat so hartnäckig wie die Frage nach individueller und kollektiver Schuld. Schon in seinem letzten, 2010 in Deutschland veröffentlichten und über weite Strecken in Lübeck spielenden Liebesroman „Julia“ hat er die private Schuld seiner Protagonisten mit der der politisch untätigen Deutschen verknüpft. Dieses Mal greifen die von Furcht und Misstrauen geprägten Unterdrückungsmechanismen, die de Kat in seiner unprätentiösen Prosa so dicht wie präzise beschreibt, auch jenseits der Landesgrenze.

Sowohl Oscar in Bern, Kate in London und Emma in Berlin, deren Erlebnisse und Gedanken – auch übereinander – de Kat parallel erzählt, leben wie in Watte eingehüllt, jeder auf seine Weise zu Sprachlosigkeit verdammt. Selbst die Schrecken des Bombenkriegs oder ein Gestapo-Verhör in der Prinz-AlbrechtStraße, denen Kate und Emma ausgesetzt sind, sind nichts gegen den kalten Terror des allgegenwärtigen Bedrohungsgefühls, in die de Kat seine Figuren einspinnt. Sein kunstvoll verdichteter Erzählstil fällt nur ab, wenn die Episoden vom atmosphärisch Verfremdeten ins konkret Situative wechseln. Wie etwa bei Emmas Geburtstagsfeier. Diese von oppositionellem Geist und leichten Kriegsentbehrungen durchwehte Festivität im beschaulichen Dahlemer Diplomatenmilieu ist überdeutlich als Tanz auf dem Vulkan und Beleg für die Existenz eines „anderen Deutschlands“ angelegt und überzeugt weit weniger als die Schilderung der Gewissensnöte.Gunda Bartels

Otto de Kat:

Eine Tochter in Berlin. Roman. Aus dem

Niederländischen

von Andreas Ecke.

Schöffling & Co,

Berlin 2013.

197 Seiten, 15,99 €.

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