Kultur : Kaltes Schweden

Bernd Matthies

Eigentlich ist auf den ersten Blick alles klar. „Ein Wallander im Jugendbuch“ steht auf dem Cover des neuen Romans von Mats Wahl, und tatsächlich bietet „Kaltes Schweigen“ alles, was deutsche, nach Henning Mankells Kriminalromanen süchtige Leser in die Buchläden treibt: schlechtes Wetter, depressive Kriminalbeamte, miese Sozialprognosen für praktisch alle Beteiligten, dazu jenen detailfreudig kreisenden, gedämpften Kammerton, der gemeinhin als „sensibel“ gilt. Auch die Themen Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Drogen wallandern nach Kräften.

Nur: Ein Jugendbuch, falls es diese Kategorie überhaupt gibt, ist dies nicht. Sondern ein Kriminalroman, dessen wichtigster Handlungsstrang unter Jugendlichen spielt. Offenbar sucht Wahl, der renommierte Jugendbuchschreiber, den Anschluss an die Kollegen aus den Bestsellerlisten, und der ist ihm mit diesem Buch (wie auch schon mit dessen Vorgänger „Der Unsichtbare“) durchaus gelungen. Die Dialoge sitzen, Kommissar Konrad Fors ist eine differenziert gezeichnete, glaubhafte Hauptfigur, und die Story läuft rund, wenn sie sich auch nicht gerade atemraubend spannend liest.

Doch immer wieder drängt sich der Verdacht auf, dass da ein exzellenter Handwerker marktkonforme Ware liefert und in der Tradition von Mankell und Sjöwall/Wahlöö nicht in erster Linie eine Geschichte erzählen, sondern vor allem eine Gesellschaftstheorie illustrieren will. Dazu gehört, dass noch das letzte Bauerndorf vor klandestiner Gewalt und Ausländerhass schier platzen möchte, dass die guten Bullen den Job lieber heute als morgen hinschmeißen wollen, während die schlechten Bullen, eine Art Nazis light, alles an sich reißen. Es wäre interessant, mal einen Roman zu lesen, der Schweden realistisch zeichnet. Aber den kauft wahrscheinlich keiner.

Mats Wahl: Kaltes Schweigen. Kinderbuch. Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Hanser Verlag, München. 264 Seiten, 16,90 €.

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