Kammermusikfestival Intonations : Grandezza und Verführung

Kraft, Emphase, Dringlichkeit: Das Kammermusikfestival "Intonations" eröffnet im Jüdischen Museum, geleitet von der Pianistin Elena Bashkirova.

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Zauberflötist. Emmanuel Pahud am Sonntag bei „Intonations“.
Zauberflötist. Emmanuel Pahud am Sonntag bei „Intonations“.Foto: Monika Rittershaus

Das kann in diesen Aprilwetter-Tagen schon mal passieren: Anna Samuil hat sich erkältet und muss ganz kurzfristig ihre Teilnahme an den „Intonations“ absagen. Weil sie bei dem Kammermusikfestival im Jüdischen Museum allerdings zwei absolute Raritäten von Mieczyslaw Weinberg und Alexander Mossolow vortragen wollte, lässt sich so kurzfristig kein Ersatz für die Sopranistin beschaffen. Also springt Festivalgründerin Elena Bashkirova beim Eröffnungskonzert am Samstag kurzerhand für die Sängerin ein – obwohl die Pianistin beteuert, selber keine Note sauber singen zu können. Das muss sie auch nicht, denn der Text der wunderbar frechen Vertonung von „Vier Zeitungsannoncen“ aus dem Jahr 1926 lässt sich auch rezitieren. Mit perfektem Gespür für Mossolows grotesk-kabaretthaften Dada-Expressionismus tut Bashkirova das, während sie sich selber auf dem Flügel begleitet. Chapeau!

Die Gastgeberin schmeisst die Show

Und Elena Bashkirova hat noch jede Menge mehr zu tun an diesem Abend: Als Ersatz für den Weinberg-Zyklus hat sie wiederum sich selber besetzt und spielt nicht etwas Hübsches aus dem gängigen Repertoire, sondern Galina Ustwolskajas radikal dissonante 5. Klaviersonate von 1986. Harter Stoff, mit beeindruckender Konsequenz umgesetzt. Im frühen, 1949 entstandenen Trio der russischen Avantgardistin hatte Elena Bashkirova zuvor mit der Klarinettistin Shirley Brill und der Geigerin Mihaela Martin eine andere Facette Ustwolskajas gezeigt: Berührend emotional ist der Tonfall hier, düster grundiert.

Bei Tschaikowskys a-Moll-Trio übernimmt Elena Bashkirova schließlich noch – gute Festivalleiter kümmern sich eben um alles – den Hilfsjob der Noten-Umblätterin. Neben der weisen Pianistin Elisabeth Leonskaja und Guy Braunstein, dem ehemaligen Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, nimmt hier ein blutjunger Franzose im ausverkauften Glashof des Libeskind-Baus Platz: Edgar Moreau, der sein Cello mit brennender Leidenschaft zu spielen weiß – und sich durch die beiden Stars, mit denen er auftritt, überhaupt nicht einschüchtern lässt.

Tags darauf präsentiert er sich ein zweites Mal, nun an der Seite des aktuellen Philharmoniker-Konzertmeisters Daishin Kashimoto sowie seiner Orchesterkollegin Madeleine Carruzzo. Moderater agiert Moreau hier, Gabriel Faurés zartem Klavierquartett angemessen. Zum Spielmacher wird mit perlendem Spiel und stilsicherer Eleganz David Kadouch, der am Flügel akustische Bühnenbilder erschafft, in denen die drei Streicher dann ihre romantischen Szenen aufführen können.

Auf dem Gipfel der Kunst

Mit Debussys „Syrinx“ und Poulencs Flötensonate ist Emmanuel Pahud bei der sonntäglichen matinée française gleich doppelt vertreten – und wird vom Publikum auch zwiefach gefeiert, für seine interpretatorischen Verführerqualitäten, eine wahrlich fantastische Melange aus virtuoser Grandezza, feinnervigem Einfühlungsvermögen und raumgreifendem Charisma, die den Philharmoniker auf dem Gipfel seiner Kunst zeigt. Auch bei César Francks Klavierquintett stimmt anschließend einfach alles: Was hier der ungemein ausdrucksstarken Pianistin Plamena Mangova zusammen mit Kolja Blacher (noch ein ehemaliger Konzertmeister der Philharmoniker!), Daniel Austrich, Hartmut Rohde und Timothy Park gelingt, hat Kraft, Emphase und Dringlichkeit, stößt vor bis in die tiefsten Gefühls- und Gedankenschichten dieser grandiosen Partitur.

Das „Intonations“-Festival im Jüdischen Museum läuft noch bis zum 27. April, die Konzerte beginnen 19.30 Uhr.

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