Kammeroper Schloss Rheinsberg : Nur Geister in den Flaschen

Die Kammeroper Schloss Rheinsberg überzeigt mit einem russischen Abend aus zwei Einaktern. Aber das Festival bleibt eine Insel, die zu wenig ins Städtchen ausstrahlt.

von
Bariton mit Altglas. Victor Ryauzov lässt in Rimsky-Korsakows „Mozart und Salieri“ musikalische Geister aus der Flasche.
Bariton mit Altglas. Victor Ryauzov lässt in Rimsky-Korsakows „Mozart und Salieri“ musikalische Geister aus der Flasche.Foto: Kammeroper/H. Mundt

Es sind harte Zeiten für Russlandversteher. Umso schöner, dass zarte Bande der Kooperation trotzdem möglich sind. Im Rheinsberger Schlosstheater schnappt sich Siegfried Matthus, wie er das gerne tut, vor Beginn der Aufführung das Mikrofon. Der Gründer und Leiter der Kammeroper erzählt, dass er in der letzten von ihm verantworteten Spielzeit mit dem St. Petersburger Kammermusiktheater kooperieren wollte – was durch die Ukraine-Krise leider unmöglich gemacht worden sei. Wer wem abgesagt hat, erklärt er nicht, aber die als Preisträger ausgewählten jungen Sänger konnten trotzdem nach Rheinsberg geholt werden. Ein durch und durch russischer Abend war gerettet. Mit zwei Kurzopern, beide auf Texte des Nationaldichters Alexander Puschkin, als letzte Etappe vor dem Höhepunkt der Rheinsberger Saison, der „Zauberflöte“ im August.

Verkrümmt, verbittert sitzt Victor Ryauzov am Tisch, aschfahl die Haut, das Kinn nach vorne gereckt. Ein Greis vor der Zeit. Sind die Falten echt, sind sie geschminkt? Hat dieser Mann Schuld auf sich geladen? Ryauzov singt Salieri in Rimsky-Korsakows Vertonung von Puschkins kleinem Drama „Mozart und Salieri“. Also denjenigen, der seinen Kontrahenten angeblich vergiftet haben soll. Wir befinden uns mitten in einem der bekanntesten Krimis der Musikgeschichte. Es war Puschkin, der in seinem 1830 erschienen Stück erstmals die These vom Giftmord des Nebenbuhlers in die Welt gesetzt hat. Sie machte steile Karriere, bis hin zu Miloš Formans oscarprämiertem Film „Amadeus“. Nachweisen lässt sich gar nichts mehr, Mozart Leiche kann nicht mehr forensisch untersucht werden, sie verschwand anonym in einem Massengrab.

Victor Ryauzov als Salieri flutet den Raum mit seinem Bass

Jetzt öffnet Ryauzov als Salieri lauter Fläschchen, die vor ihm auf dem Tisch stehen, und lässt die Geister raus. Jedesmal erklingt eine Komposition von Mozart: die „Figaro“-Ouvertüre, die von „Don Giovanni“. Ein bisschen plakativ, was Regisseurin Daina Adama da macht, und es erinnert auch sehr an den Beginn von Formans Film. Aber Ryauzov singt solche Zweifel im Nu hinweg – mit ganz tiefem, expressiv herausgeschleudertem Bariton. Wie ist es möglich, dass aus diesem ausgemergelten Körper eine so massive Stimme strömt, den (zugegeben nicht besondern großen) Raum flutet, die Musiker des Preußischen Kammerorchesters zeitweise völlig übertönt, zu Statisten degradiert? Was wiederum nicht heißt, dass Orchester und Gastdirigent Mihhail Gerts nicht gut miteinander harmonieren und einen Weg finden würden, Rimsky-Korsakows wagnerianisch angehauchte, in langen Bögen strukturierte Partitur musikalisch umzusetzen.

Und ja, das Stück hat zwei Sänger. Und Pavel Chikanovskij erfüllt als Mozart auch alle Vorstellungen, die man sich so macht: Sonnenkind, stets lächelnd, die Inspirationen fliegen ihm nur so zu. Und ist doch Beispiel dafür, dass Genies manchmal in einem recht banalen Geist stecken, dass dass Vollkommene langweilig sein kann. Ryauzovs Salieri ist der interessantere, abgründigere Charakter. Einer, der sich künstlerische Produktion nur als das Ergebnis beinharter Anstrengung, Züchtigung, Selbstkasteiung vorstellen kann. Und sich in diesem Ethos bedroht fühlt durch den Jüngeren, von den Göttern Geküssten, der das alles nicht braucht. Seinen edlen Zorn darauf, dass Gott seine Gunst so ungleich verteilt, redet sich dieser Salieri aber auch selbst ein. Die Wahrheit ist prosaischer, er ist von Neid zerfressen, blankem Neid, und das weiß er auch. Nur zur Erinnerung: Über den historischen Salieri und seine kompositorischen Qualitäten ist damit nichts gesagt. Aber viel über das, was Puschkin offenbar glaubte, als er diese Figur schuf.

Ein bisschen mehr darf's sein

Daina Adama hat noch einige, eher verzichtbare, Regieeinfälle. Bei Puschkin und Rimsky-Korsakow gibt es einen Straßenmusikanten, sogar er kennt Mozarts Musik. Hier spielt er nicht, sondern kramt verschämt in den Taschen, um sein Handy zu finden. König Klingelton. Schade, dass die tollen Sänger ihr Können nur im extrem reduziertem Bühnenbild zeigen können. Der Tisch, das war’s. Wer die Reise nach Rheinsberg macht, erwartet ein bisschen mehr. Glaubt man Siegfried Matthus, hat auch bei den Kulissen die Ukraine-Krise zugeschlagen.

Das zweite Stück, der gleiche Tisch. Jetzt nur mit Samowar. Strawinskys „Mavra“: eine Posse in 30 Minuten, rhythmusverliebt wie alles von Strawinsky. Und der Beginn seiner neoklassizistischen Phase, 1922 komponiert. Der „Sacre“ war da gerade mal neun Jahre her, man glaubt es kaum. Die Vorlage: ebenfalls von Puschkin, der ja als Dichter auch das „einfache“ russische Dorfleben besungen hat. Ein Liebhaber findet keine Gelegenheit, seiner Angebeteten nahe zu sein – erst als Köchin gelingt es ihm, Zutritt zum Haushalt zu bekommen. Mann verkleidet sich als Frau: ein Grundmuster des Humors, das immer noch zieht, hier vor allem wegen der flammenden Spielfreude aller Darsteller. Es sind ja weniger Charaktere als Typen, die Puschkin und Strawinsky aufmarschieren lassen, eine russische Commedia dell’arte. Karo Chatschaturyan gockelt als Wassili im sanften Wiegeschritt hinter Parascha (Evgenia Kravchenko) her, Daria Samarskaya als Mutter lästert und tratscht mit der Nachbarin (Anna Litvin), spitzt die Lippen, lässt die Lockenwickler wippen. Und fällt schließlich in Ohnmacht, als sie entdeckt, dass sich die Köchin rasiert. Eine wirkliche Pointe hat das Stück nicht, gut unterhalten füllt man sich trotzdem.

Nach dem Schlussapplaus düsen die meisten Besucher rasch wieder zurück nach Berlin. Die Kammeroper strahlt, obwohl Rheinsberg klein ist, jenseits der künstlerischen Produktionen kaum aufs städtische Leben aus. Was fehlt: eine Verankerung im Ort, Festivalstimmung, Gespräche über das Gesehene beim Bierchen oder Schoppen. Etwas, das man Diskurs nennen könnte. Vielleicht wird der neue Leiter Frank Matthus an diesen Schrauben drehen. Der Sohn des Festivalgründers übernimmt offiziell am 1. September, Stabübergabe soll im Anschluss an die letzte Aufführung der „Zauberflöte“ am 16. August sein. Im Oktober will der Neue die Planung für seine erste Saison 2015 vorstellen. Nicht in Rheinsberg. Sondern in der Brandenburgischen Landesvertretung in Berlin.

„Mozart und Salieri“/“Mavra“, wieder am 29./30. Juli und 1./2. August, Premiere der „Zauberflöte“ am 8. August, www.kammeroper-schloss-rheinsberg.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar