Kultur : Kampf der Spaßgesellschaft!

Theater muß wieder als poetischer Ort interessant werden.Schaubühnenchefin Andrea Breth über Finanzen und Langeweile, Kleist, Kritik und Hundekacke.Und über die Kalaschnikow in der Kantstraße TAGESSPIEGEL: Freuen Sie sich auf Claus Peymann in Berlin? ANDREA BRETH: Natürlich wäre Peymann für Berlin richtig, er wäre vor allem vor einigen Jahren schon richtig für Berlin gewesen: dann hätten wir heute noch ein Schiller-Theater.Durch den Weggang von Peter Zadek und seit dem Tod von Heiner Müller ist die Theaterlandschaft Berlins ärmer geworden.Auch Einar Schleef hat ja leider keinen für ihn stimmigen Ort mehr in dieser Stadt.Wobei ich mich dabei nicht dem allgemeinen Negativgeschrei, wie langweilig es in Berlin sei, anschließen möchte.So wie es mich auch ärgert, wenn Claus Peymann seinen Kurzvisiten und Taxifahrten meint entnehmen zu können, er könne die gesamte kulturelle Situation in dieser Stadt einschätzen. TAGESSPIEGEL: Hat diese Langeweile nicht auch mit der finanziellen Durststrecke zu tun, auf der sich Berlin befindet? ANDREA BRETH: Das dauernde Gerede über die Finanzen und die Langeweile halte ich für eine aufgebauschte Debatte, die versucht, einen Trend zu konstruieren.Die Stadt hat doch noch ganz andere Probleme.Zuallererst sollten wir mal lernen, nicht zu sagen "Ost" und "West" und "die Osttheater" und das "Westtheater Schaubühne".Diese riesige Stadt Berlin braucht und verkraftet ein riesiges kulturelles Theaterangebot.Man muß sich mal vorstellen, daß pro Abend in Berlin soviele Menschen ins Theater gehen, wie samstags nachmittag in ein Fußballstadion strömen.Das ist doch schön - und gar nicht langweilig.Diese Negativerregung ist eben etwas typisch Deutsches. TAGESSPIEGEL: Ich will noch einmal auf die Langeweile des fehlenden Geldes kommen ... ANDREA BRETH: Diese ewige Finanzdebatte ist nur eine Seite.Das Schlimme ist, daß es die einzige Debatte ist.Und man muß aufpassen, daß diese Debatte auch in den Theatern nicht die einzige bleibt - das ist die drohende Langeweile.Theater ist nicht ausrottbar, so lange ich lebe, glaube ich das.Theater muß wieder als ein poetischer Ort interessant werden.Die Debatte des Geldes erstickt im Augenblick alles.Für die Beseitigung von Hundekacke - was etwa in New York Sache der Halter ist - sind Steuergelder da, für Kultur wird immer weniger ausgegeben.Kunst und Bildung werden heute auf eine hochgefährliche Weise in Frage gestellt.Was offensichtlich "gebraucht" wird, ist Unterhaltung um jeden Preis.Diese Spaßgesellschaft möchte ich mit meiner Arbeit um keinen Preis unterstützen.Der Spaßgesellschaft den Kampf anzusagen, kann nicht allein die Aufgabe der Theater sein, sondern auch das Publikum muß wissen, daß es sich an diesem Kampf zu beteiligen hat. TAGESSPIEGEL: Wenn die Schaubühne nicht das Westtheater in der Stadt ist, sein will, warum haben Sie dann so wenige Besucher von jenseits der Spree? ANDREA BRETH: Die Kartenpreise sind sehr hoch, das ist aber nicht meine Erfindung, sondern eine Auflage des Senats.Im Augenblick gehen in Ost und West vornehmlich Westmenschen ins Theater, und es könnte ja sein, daß die Menschen aus dem Osten im Moment noch andere Sorgen haben und ihr Geld für andere Dinge ausgeben, die sie ja schließlich 40 Jahre lang nicht so unbedingt haben konnten, wie Autos, Reisen, Kühlschränke.Das finde ich ganz logisch. TAGESSPIEGEL: Ist Ihr Spielplan aber nicht auch einer, der die Leute im Osten vielleicht wenig interessiert? Borchardt, Mishima, Farid Uddin Attar, was ist das schon gegen Kühlschränke und Autos? ANDREA BRETH: Wir bekommen ja im Augenblick von der Presse, wohlgemerkt: von der Presse, vorgehalten, daß wir irgendwelchen merkwürdig verstaubten Petitessenkram machen.Die Resonanz am Abend entspricht dem überhaupt nicht.Die Vorstellungen sind alle voll.Und mir ist es egal, ob das Publikum Ost oder West ist.Ich frage niemanden am Eingang.Hauptsache das Publikum kommt.Gut, der Attar mag sehr elitär sein und sehr besonders.Deswegen wird der auch in der Cuvrystraße gespielt, wo ich im übrigen einmal inszenieren wollte.Ich bin erstaunt, wieviele Leute, auch und vor allem junge, dieses Stück sehen möchten, sich für seine Fragen interessieren: was ist der Weg, was ist das Leben? Gibt es noch etwas wie einen Sinn und wenn ja, was für einen? Was passiert nach dem Tod? Das sind übergreifende Fragen.Um mich dafür zu interessieren, muß ich weder aus dem Osten noch aus dem Westen kommen.Da bin ich einfach nur als Mensch gefragt.Das sind für mich die wesentlichen Fragen des Theaters.Deswegen habe ich es manchmal sehr schwer mit sogenannten aktuellen Stücken.Weil ich mich immer frage: ist es nicht anderswo noch viel komplizierter, verdichteter, interessanter geschrieben? TAGESSPIEGEL: Und ist es das? ANDREA BRETH: Ja, zum Beispiel Kleists "Die Familie Schroffenstein".Zwischen den Parteien eines Familienclans wird ein Erbvertrag geschlossen, um die Zukunft der Nachfahren zu sichern.Und genau dieser Erbvertrag wird allen zum Verhängnis.Statt Vertrauen gebiert er Mißtrauen, Neid und Habgier.Klingt fast wie ein Ost-West-Problem.Die Zukunft der Kinder wird mit deren Tod bezahlt.Das wird von Kleist auf eine so ungeheuer mathematische Art, wie eine Versuchsanordnung vorgeführt.Wie heute kümmert sich die Elterngeneration nur um ihre Sicherheit und bemerkt nicht, wie die jüngere Generation nicht leben kann und darf.Wir reden über unserer Rente, statt über die Ausbildung und Bildung der nächsten und übernächsten Generationen nachzudenken.Wir feiern die Armut der Sprache im Internet, statt den Reichtum der Sprache zu pflegen und zu fordern.Sprache ist Denken.Theater ist Erkenntnis und darf nicht nur konsumierbar sein.Wenn wir nur die Videokultur pflegen, wird irgendwann ein Gehirnteil des Menschen absterben, weil er nur noch sehen und nicht mehr hören kann. TAGESSPIEGEL: Andererseits macht einer wie Michael Simon, der an der Schaubühne als fester Hausregisseur arbeitet, genau solches Gucktheater, wo Worte so mit das Letzte sind, was zählt. ANDREA BRETH: Simon sucht und er hat auch selbst genau diesen Ort gesucht, um sich mit seinen Mitteln mit der Sprache auseinanderzusetzen.Eine solche Zusammenführung kann nicht auf Anhieb gelingen, weil alles, im Leben, so auch im Theater, Zeit braucht.Unterschiedliche Handschriften, gegensätzliche Arbeitsweisen sind notwendig im Theater.Theater ist ein Prozeß.Ganz junge Menschen verstehen die Theatersprache von Simons "schlaflos" naturgemäß eher als langjährige Schaubühnenbesucher, die unter Umständen eher verstört sind.Natürlich suche auch ich Anregungen.Denn ich will hier doch nicht als Pensionistin immer an meinem alten Strumpf herumstricken.Michael Simon soll auf jeden Fall die Möglichkeit haben, in Ruhe und ohne Druck zu arbeiten. TAGESSPIEGEL: Also einmal nicht: heute Top, morgen Flop? ANDREA BRETH: Genau.Wir können doch am Theater nicht auch diese schreckliche Wegwerfmentalität entwickeln.Wir sind doch kein Durchschleusebetrieb.Die jungen Regisseure, die heute gepuscht werden, müssen lernen, was ich auch meinem ehemaligen Assistenten Elmar Goerden zu vermitteln versucht habe: sich nicht falsch beeindrucken zu lassen.Denn das kann tödlich enden.Entscheidend ist der Weg und die Entwicklung, der lange Atem und nicht das Haspeln von einem Sensationserfolg zum anderen.Gleichzeitig habe ich das Gefühl, die jungen Regisseure können mit der Schnellebigkeit unserer Zeit leichter und spielerischer umgehen, weil sie die Gesellschaft nur als solche erlebt haben: Markt, Produkt, Verkauf.Vielleicht kennen sie die Kategorie des Scheiterns gar nicht mehr und die damit verbundene verzweiflungsvolle Depression. TAGESSPIEGEL: Hat diese mediale Hysterie mit sogenannten Regiestars, mit einer jungen Generation, nicht auch etwas damit zu tun, daß die Theaterkritik darum kämpft, für das Theater überhaupt noch Aufmerksamkeit zu erregen? ANDREA BRETH: Das wäre ja wunderbar, wenn es so wäre.Das vorsichtige Beschreiben, die behutsame Entdeckerlust, die Lust, vorsichtig zu fördern und nicht zu puschen, die kann ich beim besten Willen nicht entdecken.Ich frage mich immer mehr: wo ist die Liebe zum Theater geblieben? Beim Publikum scheint sie, Gott sei Dank, noch vorhanden zu sein.Mir kommt es nur so vor, als hätte man es bei der Kritik, halten zu Gnaden, eher mit einem Ausdruck von Übersättigung, Zerstörungslust, Häme und tiefem Gelangweiltsein zu tun. TAGESSPIEGEL: Spricht da nicht auch etwas Verbitterung aus Ihnen, weil die Schaubühne eben nicht einfach nur ein Theater unter vielen sein darf? ANDREA BRETH: Sicher, dieses Haus wurde immer schon mit zweierlei Maß gemessen.Wenn Sie sich die Kritiken über Peter Steins Arbeit heraussuchen, dann finden Sie da ähnliche Sätze wie über meine Arbeit.Wir sind kein Staatstheater, zu dem man uns machen wollte, und haben uns nie als solches verstanden.Deshalb haben wir auch Interesse, und tun dies beileibe nicht aus Arroganz, uns Stücken zu widmen, die vielleicht etwas abwegig wirken mögen, die man sonst vielleicht aber gar nicht zur Kenntnis nehmen würde. TAGESSPIEGEL: Halten Sie deshalb nach wie vor an der Aufgabe fest, dieses Haus künstlerisch zu leiten? ANDREA BRETH: Natürlich.Ich habe hier eine sensationelle Truppe von Schauspielern.Es ist geglückt, daß die Alten und die Neuen ohne Grabenkrieg auf der Bühne stehen.Das ist mir sehr wichtig.Ebenso wesentlich ist, daß einer der größen Inszenatoren überhaupt, Klaus Michael Grüber, hier immer noch arbeiten möchte.Die Bedingungen des Hauses sind nach wie vor gut, mit wunderbaren technischen Mitarbeitern.Ich bin gern hier.Ich habe viel vor und arbeite mit riesiger Lust an vielen großen Projekten für die nächsten Jahre.Aber was nach "Dantons Tod" kommt, das verrate ich noch nicht.Daß da Druck von außen ist, mein Gott, wenn ich mich damit dauernd beschäftigen würde, dann müßte ich mir doch die Kalaschnikow in der Kantstraße holen.

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