Kultur : Kampf gegen den Terror: Ganz neue Seiten

Elke Windisch

Russland: Noch steht Russland an der Seite der USA. Zumindest verbal. Aber Russlands Präsident Putin steckt auch in einem Dilemma. Militärische Präsenz der USA oder der Nato in Afghanistan, wie sie nach Bombenschlägen und erst recht nach einer Bodenoperation unvermeidlich wäre, führt zwangsläufig zum Verlust des Moskauer Einflusses in Zentralasien. Und das wiederum will Putin verhindern. Moskaus Einfluss nämlich hängt, so paradox es klingen mag, von einem schwachen instabilen Afghanistan ab, das seit der Auflösung der Union 1991 Rückzugsgebiet der islamischen Opposition aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Tadschikistan, Usbekistan und Teilen Kirgisiens ist. Schon die Regierung des 1996 von den Taliban aus Kabul vertriebenen Präsidenten Rabbani gewährte im tadschikischen Bürgerkrieg der islamischen Opposition Asyl. Seit der Machtübernahme der Taliban kämpfen auf deren Seite neben Arabern, Tschetschenen und Uiguren aus der westchinesischen Unruheprovinz Xinjiang auch Anhänger der islamischen Opposition Zentralasiens. Mit einer erfolgreichen Operation gegen die Taliban würde auch den Islamisten die Operationsgrundlage entzogen und darin ist Russland, dem böse Zungen sogar heimliche Unterstützung für dieses Kontingent nachsagen, nicht interessiert. Der Grund: Eine mäßig starke islamische Opposition im ehemaligen sowjetischen Mittleren Osten ist für Moskau das beste Faustpfand für die bedingungslose Loyalität seiner Ex-Vasallen, die seit dem Zusammenbruch der Union 1991 nach einem neuen Schwerkraftzentrum Ausschau halten und in der ersten Hälfte der Neunziger heftig mit der Türkei und Iran flirteten. Elke Windisch

Iran: Für die Iraner, die seit der islamischen Revolution 1979 keine diplomatischen Beziehungen zu den USA unterhalten, bergen die Folgen der Terrorattacken in New York und Washington große Gefahren, zugleich könnten sich jedoch unerwartete Chancen für das international lange geächtete Land öffnen. Doch Mohammed Chatami hat sich nach seiner ersten Wahl zum Präsidenten 1997 offiziell vom internationalen Terrorismus distanziert. Er zählte jetzt zu den ersten Staatsführern, die dem "amerikanischen Volk" ihr "tiefes Mitgefühl" bekundeten. Der Iran, in einer strategisch äußerst wichtigen Position zwischen dem Mittleren Osten, Zentral- und Süd-Asien gelegen, teilt 900 km Grenze mit Afghanistan. Seine fundierten Kenntnisse des Nachbarstaates, in dem Teheran traditionell um dominierenden Einfluss rang, könnten US-Strategen beträchtliche Hilfe bieten. Zudem bemüht sich Teheran seit Jahren um einen Sturz der Taliban, deren Machtübernahme die Iraner um einen wichtigen Einfluss in der Region beraubt hatte. Iran unterstützt die oppositionelle "Nord-Allianz" unter dem gestürzten Präsidenten Rabbani. Birgit Cerha

China: Pekings Diplomaten wissen mit Washington umzugehen. Und auch zu den Taliban-Kriegern in Afghanistan hat China gute Kontakte. Die Frage ist jedoch, ob Peking vermitteln will. Chinas Führer sind derzeit selbst in einer Zwickmühle. Sie wollen den USA und der Welt beweisen, dass China ein verantwortungsvolles Mitglied der Weltgemeinschaft ist. Staatschef Jiang Zemin hatte noch am Tag des Terroranschlages mit US-Präsident Bush telefoniert und ihm Chinas "vollständige Unterstützung" im Kampf gegen den Terrorismus zugesagt. Zugleich hat Peking aber große Bedenken, einen Militärschlag der USA in Afghanistan gutzuheißen. In der Vergangenheit lehnte China ähnliche Militäraktionen stets als "Einmischung in die inneren Angelegenheiten" eines anderen Staates ab. Wenn die USA heute wegen Terrorismus die Taliban angreifen, fürchten Pekings Mächtige, werden sie eines Tages vielleicht aus humanitären Gründen die Tibeter oder auch andere Minderheiten in China unterstützen. Harald Maass

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